Charisma 150 > Aus dem Magazim
„zeitenwende“
Charisma-Gespräch über die Zeit der „Wende“ mit Heinz Duddek, Stralsund
Charisma: Diesen Herbst jährt sich der Mauerfall zum 20. Mal. Was kommt dir als Erstes in Erinnerung, Heinz, wenn du an jene Zeit denkst?
Heinz Duddek: Was für mich 20 Jahre später noch schier unfassbar ist: Dass es uns nach 40 Jahren marxistisch-leninistischer Prägung doch noch möglich war, als Volk zusammenzukommen und vereint zu werden. Im Nachhinein kann man auch sehen, dass sich die Behauptung des marxistischen Sozialismus, von allen Gesellschaftsformen das „i-Tüpfelchen“ zu sein, nicht bewahrheitet hat.
Charisma: Du warst zu dieser Zeit schon lange Zeit Christ und in einer Baptistengemeinde aktiv. Habt ihr in eurer Gemeinde an eine Veränderung des Staatswesens geglaubt, oder wie seid ihr mit der Situation umgegangen, bevor überhaupt an eine „Wende“ zu denken war?
HD: Wir hatten uns als Bürger der DDR eigentlich „eingerichtet“ – ganz gleich, ob wir geistlich geprägt waren oder säkular. Wir hatten uns mit der Situation abgefunden, so wie ein „Knastologe“ sich nach Jahren Gefängnis auch mit seiner Situation abfindet. Man versuchte einfach, aus den Dingen das Beste zu machen.
Wir wussten, dass wir westlich der Grenze einen großen starken Bruder haben, der uns auch materiell unterstützt –und das betraf ja auch die Gemeinden. Ich hätte mir nicht vorstellen können, als Alleinverdiener einen Trabbi zu erwerben. Doch sind wir ganz gut versorgt worden, auch was die Kleidung anbetraf. Wir haben viel von Verwandten oder Glaubensgeschwistern aus der BRD erhalten. An eine politische Wiedervereinigung hat aber – soweit mir bekannt ist – niemand von uns geglaubt.
Charisma: Als die Friedensgebete starteten, muss es doch Menschen gegeben haben, die an eine Veränderung geglaubt haben?!
HD: Die Friedensgebete begannen in Leipzig. Im September 1989 griff das auch nach Stralsund über. Pastoren öffneten ihre Gemeinden, und es war erstaunlich für uns, wie sich in die Stralsunder Marienkirche, die über ein festes Stuhlwerk von 700 Sitzplätzen verfügt, bis zu 4000 Menschen hineindrängten. Da konnte keiner umfallen. Es war beeindruckend, wenn diese Menschenmasse aus der Kirche herauskam und in einer friedlichen Demonstration durch die Stadt zog.
Charisma: Was waren denn die Inhalte, die vermittelt wurden?
HD: Es waren mehr oder weniger politische Veranstaltungen. Und anderem wurde auf die Missstände in der Stadt und in der Wirtschaft hingewiesen. Widersprüche wurden thematisiert. Man bekam auch zu hören, dass die westdeutschen Botschaften in Prag und Budapest mit DDR-Bürgern überfüllt waren und dass Leute über Ungarn und Wien in den Westen gelangt waren. Viel Geistliches kam dabei nicht rüber. Man wollte Druck ausüben auf die Staatsführung, um Reisefreiheit zu bekommen. Wie es dann weitergehen würde, das wusste ja noch niemand. Latent war auch immer ein Stück Angst da, inwieweit die Staatssicherheit, die nationale Volksarmee und die Polizei eingreifen würden. Es gab Unsicherheit, wann es zu einer Konfrontation kommen würde. Und das ist für mich auch ein Wunder Gottes, dass kein Schuss gefallen ist und niemand zu Tode gekommen ist. Das kann man gar nicht erklären.