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Keith Warrington:
Wir alle sind Priester
Wie Christen den priesterlichen Dienst der Fürbitte ausüben können (1. Teil)
Die meisten von uns sind nicht im politischen Sinne Könige. Wir haben keine Schlösser, Paläste, Armeen, werden nicht umjubelt, wenn wir durch die Straßen fahren usw. Wir sind kleine Unbekannte. Aber wir haben dennoch alle von Gott den Ruf, „Könige und Priester“ zu sein – das betrifft die Männer in unseren Gemeinden ebenso wie die Frauen.
Wir sind zum Herrschen berufen
Ich zitiere zwei Texte der Bibel, die auf beeindruckende Weise unseren Stand, unser Erbe und auch unsere Beauftragung als Christen veranschaulichen:
„Gnade euch und Friede von dem, ... der uns liebt und uns von unseren Sünden erlöst hat durch sein Blut und uns gemacht hat zu einem Königtum, zu Priestern seinem Gott und Vater.“ (Offb 1,5-6)
„... du bist geschlachtet worden und hast durch dein Blut für Gott erkauft aus jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk und jeder Nation und hast sie unserem Gott zu einem Königtum und zu Priestern gemacht, und sie werden über die Erde herrschen!“ (Offb 5,9-10)
Diese und ähnliche Bibeltexte drücken aus, dass wir durch das Blut Jesu nicht nur reingewaschen wurden (das ist den meisten von uns bekannt); wir wurden dadurch auch in unsere ursprüngliche Bestimmung und unseren eigentlichen Stand versetzt: Wir wurden von Gott zu Priestern und Königen gemacht und sollen auf der Erde „herrschen“. Dieses Wort ist meistens negativ belastet: Wir denken dabei an Despoten und Begriffe wie „herrschsüchtig“ und „beherrschen“. Im oben erwähnten biblischen Zusammenhang ist dieses Wort aber positiv gemeint; es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – auf eine kraftvolle, wahrhaftige, liebevolle, demütige Weise – eben wie Jesus es tut. Es bedeutet, im Sinne Jesu zu herrschen. Dies ist das „Erbe“,die Berufung jedes Christen. Diese „Herrschaft“ beginnt nicht erst in der Zukunft, sondern jetzt.
Wir sind Priester
In der Praxis greift man die beiden Aspekte des Handelns – königlich und priesterlich – gleichzeitig auf. Beide gehören zusammen. Das königliche Moment beinhaltet, dass wir einer Sache vorstehen. Wir übernehmen für die uns anvertrauten Menschen und Aufgaben Verantwortung und tun unser Bestes, eine Sache gut zu organisieren und Menschen mit Fürsorge anzuleiten. Im Alltag tun wir dies in der Familie, am Arbeitsplatz bzw. in der Schule, in der Nachbarschaft, in unserem Wohnort und in unserer Gemeinde. Der priesterliche Aspekt, auf den ich mich hier konzentrieren möchte, beinhaltet folgende Punkte:
Ein Priester ist ein Mittler zwischen Gott und den Menschen. Er versteht es, bei Gott eine „Audienz“ zu bekommen, und vertritt vor ihm andere Menschen. Er versteht es auch, Gott direkt zu dienen. Bekommt er Anweisungen von seinem Herrn, überbringt er diese den Menschen. Um seiner Vermittlungsfunktion gerecht werden zu können, braucht er auch Geistesgaben - er sollte sie kennen und praktizieren. Zentral in diesem Priesterdienst sind Anbetung, beharrliches Warten auf Gott und Fürbitte.
Für uns „normale“ Menschen ist Fürbitte anfangs nicht einfach, und wir genießen es nicht. Wir müssen uns hier aber einfach einer gottgegebenen Aufgabe stellen! Mir hat es sehr geholfen, die notwendige Rolle dieses priesterlichen Handelns einschließlich der Fürbitte in der Bibel zu recherchieren. Nach intensivem Forschen kam ich schließlich zu dem auffälligen Schluss, dass die Zukunft nicht allein von Gott entschieden wird, sondern auch von seinen Partnern.
Folgende Bibeltexte empfehle ich zum Studium: 2 Mose 17,8–16; 4 Mose 14,5–25; 17,6–15; 1 Sam 7,5-13; Jer 33,; Hes 22,30; Dan 9; Neh 1; Mt 18,19; Lk 10,19f.; Apg 12,4–19. Diese Bibeltexte werden uns faszinieren und dazu motivieren, die uns von Gott gegebene Verantwortung und Gelegenheit zu ergreifen. Die Zukunft – nicht nur unsere, sondern auch die von anderen Menschen – hängt auch von uns ab. Wir können in Partnerschaft mit Gott viel Segen in die Welt hineinbringen. Dazu gebe ich aus meiner eigenen Erfahrung folgende praktischen Ratschläge:
Priesterdienst – ganz praktisch
1. In der Familie: Die Eltern haben eine priesterliche Verantwortung in der Familie, wobei der Mann als Haupt der Familie eine besondere Verantwortung vor Gott trägt. Die Wahrnehmung dieses Priesterdienstes sieht bei uns persönlich folgendermaßen aus: Ich bete jeden Morgen am Frühstückstisch um den Segen Gottes für meine Familie. Ich versuche, einen guten Tag für alle zu proklamieren und bete gegen das Wirken böser Mächte. Ich verbringe Zeit mit den Kindern, bringe ihnen biblische Inhalte nahe, und wir führen eine Menge Tischgespräche über die Wege und Werte Gottes in den unterschiedlichen Lebensfragen. Nach Bedarf, wenn z. B. alles ein bisschen drunter und drüber geht, reserviere ich mit meiner Frau einen Abend, an dem wir die Anliegen der Familie miteinander besprechen und zusammen beten. Wir sitzen dann auf dem Sofa, halten Händchen und nehmen uns ca. vierzig Minuten Zeit, um für die Kinder – eins nach dem anderen – konkret zu beten und auch für sonstige Anliegen. Über ein Jahr lang haben meine Frau und ich täglich bestimmte Anliegen durchgebetet. Dafür nahmen wir uns jeden Tag zehn bis fünfzehn Minuten nach dem Frühstück. Man kann auch Anliegen aus der Nachbarschaft aufgreifen und entweder als Ehepaar oder als ganze Familie zusammen dafür beten.
2. Am Arbeitsplatz: Es ist wichtig, dass man seine Arbeit als „Gottesdienst“ betrachtet. Sogar ein Sklavendienst kann für Paulus geheiligt sein (Eph 6,5f.), wie viel mehr ein ordentlicher Beruf oder Job. Man soll sich konstruktiv, motiviert und zuverlässig am Arbeitsplatz einbringen, mit einer offenen, positiven Einstellung zu den Kollegen. Wenn diese Haltung da ist, kann man mit dem Beten anfangen. Beginnen Sie mit einer Stunde in der Woche an irgendeinem Abend. Bringen Sie Ihren Arbeitsplatz, alle Arbeitswege, alle Kollegen vor Gott. Fragen Sie ihn, wie er in Ihren Arbeitsplatz eingreifen möchte, und erwarten Sie eine Antwort. Beten Sie das Vaterunser. Flehen Sie zu Gott, dass er seinem Namen Ehre verschaffen möge an Ihrem Arbeitsplatz. Dann beten Sie: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so an meinem Arbeitsplatz“. Gott will nämlich vom Himmel herab auf Ihren Arbeitsplatz einwirken. Wie? Das herauszubekommen ist der Anfang eines Abenteuers, nämlich zumindest ansatzweise herauszufinden, was Gottes Wille in einer bestimmten Situation ist. Verbringen Sie genug Zeit damit, dies zu erfragen und zu erbitten. Beten Sie alle Aspekte des Arbeitsplatzes durch, so gut Sie können. Beten Sie mit dem Verstand und auch in Sprachen. Pausieren Sie zwischendurch und denken Sie über alles nach. Ich persönlich brauche mehrere Wochen, bis ich beginne, zu erkennen und zu verspüren, was Gott will. Wenn Sie für bestimmte Personen oder bestimmte Aspekte Ihres Arbeitsplatzes im Gebet eine zunehmende Bürde verspüren, dann ist dies normalerweise ein Zeichen dafür, dass Sie auf der Spur Gottes sind.
Wenn man dann erkannt hat, was Gott als Nächstes am Arbeitsplatz tun will, dann wird es erst richtig interessant. Sie können dann beginnen, ganz bewusst mit Gott zusammenzuarbeiten, um seinen Willen zu erfüllen. Anschließend geht es darum, den Arbeitskollegen Gottes Anliegen nahe zu bringen. Hierzu braucht man Weisheit, etwas Feingefühl und eine Gelassenheit, die aus dem Glauben kommt. Ich habe mehrere solcher Etappensiege erlebt, durch die Gott mein Arbeitsumfeld geändert hat.
Wenn die Christen sich im ganzen Land so einbringen, dann erleben wir den Beginn eines umfassenden kreativen Priesterdienstes. Leider sind zurzeit noch viele defensiv und ohne Vision für ihren Arbeitsplatz. Gott will uns aber von der Defensive zur Offensive bringen.
3. Am Wohnort: Bezogen auf die Nachbarschaft und den Wohnort geht es darum, die gleiche Einstellung wie am Arbeitsplatz zu haben: Bringen Sie sich konstruktiv ein, öffnen Sie Ihr Herz und Ihr Haus für die Nachbarn. Gehen Sie es ganz entspannt an und beten Sie für Ihre Bekannten. Vielleicht sind Sie der Einzige, der für sie betet, ihr einziger Priester - machen Sie daher Ihre Arbeit gut. Seien Sie bereit, Ihre Bekannten z. B. zum Kaffee einzuladen. Bei Fremden, und das wird die Regel sein, fangen Sie an, so wie Sie die Straße entlanggehen, alle Bewohner zu segnen und für sie zu Gott zu rufen. Nehmen Sie sich auch Zeit, ganz zielbewusst betend um den Häuserblock und durch die Straßen zu gehen. Seien Sie wachsam und offen für irgendwelche Kontakte, die Gott zu diesen Nachbarn schenken möchte. Beten Sie als Familie oder als Wohngemeinschaft zusammen für die Nachbarn.
Sie können sich dann steigern und beginnen, für bestimmte Gruppen, Szenen und Institutionen in Ihrem Wohnort zu beten. Dies wird Sie allerdings rasch an die Grenzen Ihrer Kapazitäten bringen, denn für solche umfassenden Gebetsanliegen ist die Hauszelle oder Gebetsgruppe besser geeignet; hier können Sie gemeinsam und systematisch die Anliegen in Ihrer ganzen Umgebung in der Fürbitte aufgreifen.
4. In der Gemeinde: Die Gemeinde sollte in erster Linie nicht der Ort sein, wo Sie auch noch Kraft investieren müssen. Helfen und mittragen sollen wir zwar alle in der Gemeinde, aber sie soll vor allem ein Ort sein, wo uns geholfen wird, die oben genannten Dienstbereiche zu verwirklichen. Der ideale Ort für eine solche Hilfe ist die Hauszelle, der Hauskreis. Die Hauszelle sollte zur einen Hälfte aus interner Hilfe und Austausch über persönliche Lebensfragen bestehen; zur anderen Hälfte sollte sie aus dem gemeinsamen Beten und Handeln für Bereiche aus der Umgebung bestehen. Zunächst geht es dabei um die Arbeitsplätze und Nachbarschaften der Teilnehmer der Hauszelle. Sie können sich darüber austauschen, wie Ihr Arbeitsalltag aussieht. Die anderen können Rat geben und gezielt mit Ihnen für bestimmte Anliegen beten. Alle paar Wochen können Sie kontrollieren, ob und welche Fortschritte es gegeben hat. Das Gleiche gilt für die Nachbarschaftskontakte. Es wird zwar oft in Hauszellen über solche Bereiche gesprochen, aber es fehlt in den meisten Fällen ein zielgerichtetes Vorgehen. Die Hauszellen brauchen den inneren pastoralen Auftrag und den nach außen gerichteten Dienstauftrag. Leider haben die meisten nur das erste.
Darüber hinaus kann die Zelle für bestimmte Familien, Szenen (Jugend, Senioren, Aussiedler, Türken, Kurden, Neonazis, Autonome u. a.) und Institutionen (Schulen, diakonische Einrichtungen, Rathaus, Polizei usw.) in der Stadt gezielt beten. Die Gemeinschaft gibt die Kraft dazu, und man kann sich hineinknien, um das Wirken Gottes in solchen Szenen und Institutionen zu sehen. Die einzelne Zelle hat natürlich auch ihre Grenzen, sie sollte sich daher auf ein oder zwei dieser Gruppierungen konzentrieren.
Wenn Sie diese Ratschläge beherzigen und damit anfangen, in diesen grundlegenden Lebensbereichen mit Gott partnerschaftlich zusammenzuarbeiten, werden Sie das übernatürliche Wirken Gottes und seinen Segen erleben. Sie können dann erwarten, dass Gott Ihnen immer mehr Menschen und Arbeitsfelder anvertraut. Es wird ein Abenteuer für Sie beginnen, das immer weitere Kreise zieht und nie aufhört!
Zum Autor:
Keith Warrington, verheiratet mit Marion und Vater von vier Kindern, kam 1971 als Mathematiklehrer von Neuseeland nach Europa. Seit 1972 ist er Mitarbeiter von Jugend mit einer Mission und engagiert sich seit 1992 v. a. im überregionalen Lehr- und Beratungsdienst. Er wohnt mit seiner Familie in Altensteig/Schwarzwald.
– Die Bibeltexte sind der Revidierten Elberfelder Bibel entnommen.