Charisma 148 > Aus dem Magazin
Gerhard Bially
Hören auf den Geist
20 Jahre methodistisch-charismatische Erneuerung
im Westen und 40 Jahre im Osten
„Können wir jetzt alle prophetischen Eindrücke noch einmal gesammelt hören?“, bittet Max Nestler auf der Jubiläumstagung des Arbeitskreises Geistliche Gemeindeerneuerung in der Evangelisch-methodistischen Kirche (AGG-EmK). Tatsächlich haben einige Personen mitgeschrieben und tragen nun die Impulse des Heiligen Geistes zusammen. „Ist darunter ein Wort, das für uns als Arbeitskreis bedeutsam – vielleicht sogar richtungsweisend – ist?“, fragt der pensionierte EmK-Pastor aus Greiz (Thüringen) weiter. Jesaja 61,1–2 scheint hier zuzutreffen: Gesandt, um unter der Salbung des Heiligen Geistes zerbrochene Herzen zu verbinden und als Bestätigung der Verkündigung Heilungen und Freisetzungen zu erwarten.
Doch auch nach jedem einzelnen Beitrag fragt der erfahrene Seelsorger Nestler, auf wen von uns das speziell zutreffe: „Jeder kann ein gutes Wort gebrauchen, doch das meine ich nicht. Wer ist innerlich wirklich angesprochen von diesem Reden des Heiligen Geistes?“
An einem anderen Abend teilen wir uns am Ende des Lobpreisgottesdienstes in Gruppen auf. In der Kleingruppe fragen wir den Herrn zuerst, was er uns persönlich sagen möchte. Wer dazu die innere Freiheit hat, kann das Gehörte anschließend in die Runde einbringen. Danach fragt jeder in der Gruppe im Gebet: „Was möchtest du, Herr, einer anderen Person im Kreis durch mich sagen?“ Zögernd gehen wir aufeinander zu, geben etwas von der göttlichen Herzensschau weiter, beten füreinander.
„In diesem Jahr hatte ich den Eindruck, dass ich sehr viel empfangen konnte, um besonders in der Gabenpraxis Sprachengebet und Auslegung durch die ‚Übungseinheiten‘ gefestigt zu werden“, bezeugt Richard Burkhardt aus Waiblingen. „Wir haben ja diesbezüglich nicht etwas in der Hand, als ob wir beliebig darüber verfügen könnten. Vielmehr sind wir auf ein ständiges ‚Kontakthalten mit dem Heiligen Geist‘ angewiesen. Dass dies in unserer Gemeinschaft, in der wir uns als Lernende sahen, sehr effektiv geschehen konnte, war für mich eine herausragende Erfahrung.“
Und zum „Hörenden Gebet“ in Kleingruppen kommentiert Richard Burkhardt: „Ich war erstaunt, wie auch auf diesem Wege der Heilige Geist sein Licht in gewisse Grauzonen unseres Lebens (Situationen, die wir nicht durchschauen) heilend und helfend hineinstrahlte. Ich persönlich erlebte ein starke innere Auferbauung, die auch dann noch anhielt, als ich in das vermeintliche Tal unseres Gemeinde-Alltags zurückkehrte.“
Bei der Jubiläumswoche im schön gelegenen Braunfelser Haus Höhenblick waren zahlreiche Andachten, Predigten und Referate geboten, teils aus den eigenen Reihen, teils von Gastrednern (Ehrenvorsitzender der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung in der evangelischen Kirche Friedrich Aschoff, Charisma-Herausgeber Gerhard Bially, Pastorin Sabine Bockel von der Anskar Kirche, Wetzlar). Zwei davon – von Dieter Weigel und Reiner Dauner – sollen uns das Wirken des Heiligen Geistes innerhalb der Methodistenkirche in Ost und West verdeutlichen. Sie bilden auch neben weiteren ausgezeichneten Beiträgen die historisch wichtigsten Kapitel des 2007 erschienenen Buches „Methodismus und charismatische Bewegung“.
Dankbar-kritische Rückbesinnung
Aufgelockert durch Kurzbeiträge von Zeitzeugen stellte Pastor i. R. Dieter Weigel die Entwicklung in der ehemaligen DDR dar: Den 20 Jahren AGG-EmK gingen mindestens 20 Jahre an charismatischen Erfahrungen unter methodistischen Pastoren in Ostdeutschland voraus.
Beeinflusst von dem methodistischen Superintendenten Paul Riedinger (geistlicher Vater der Darmstädter Marienschwestern) konnte die methodistische Gemeindeschwester Anny Kölsch dem evangelischen Pfarrer G. Küttner „die Vision eines vom Neuen Testament geprägten priesterlichen Dienstes“ vermitteln. Küttner war wegen seiner überaus gesegneten Jugend- und Gemeindearbeit nach Bräunsdorf im Erzgebirge strafversetzt und dort bildeten sich bald eine Schwesternschaft sowie Bibel- und Gebetskreise. „In Bräunsdorf wurden Rüstzeiten für Pfarrer und Pfarrfrauen, Katecheten und andere kirchliche Mitarbeiter angeboten, die mit jährlich bis zu 2000 Personen einen großen Zulauf fanden. Durch sie gelangte der geistliche Aufbruch in andere Ortsgemeinden in Sachsen und Thüringen.“
Eine Kommunität wirkte sich auch in Großhartmannsdorf segensreich aus. Die „Brüder“ verstanden sich als missionarische Dienstgruppe. Bereits in den 60er-Jahren erlebten auch sie Sprachengebet, Auslegung, Prophetie. „1972 kam es zu einer Ausweitung, und Großhartmannsdorf wurde zu einem Zentrum charismatisch geprägter Jugenderweckung“.
„Eine ähnliche große Ausstrahlung wie die Zentren in Sachsen“ schreibt Dieter Weigel dem (Julius-)Schniewind-Haus in Schönebeck bei Magdeburg zu, das unter Pfarrer Jansa als Seelsorgehaus für „Befreiung von Sünde, Krankheit und dämonischen Mächten“ bekannt wurde und unter der späteren Leitung von Pfr. Dieter Blischke- jährliche Pfarrertagungen mit Rednern aus dem In- und Ausland durchführte.
Pastoren und Mitarbeiter aus methodistischen Gemeinden, die an den oben genannten Orten „auftankten“, bildeten dann Gebets- und Seelsorgekreise. Seit dem Frühjahr 1969 trafen sich alle sechs bis acht Wochen evangelisch-methodistische Pastoren in einem verbindlichen „Bruderkreis“. Dieser bildete innerhalb der EmK-Ost über viele Jahre das geistliche Rückgrat der charismatischen Gemeindeerneuerung.
Zu weit würde es führen, all die von Pastor Weigel genannten Personen und ihren Dienst hier zu beschreiben. Nur folgende Namen will ich aus persönlicher Verbundenheit erwähnen:
Mein damaliger Pastor Wolfgang Hammer (Bezirk Offenbach) führte in den späten 60er-Jahren in der BRD und DDR „Aschrams“ nach dem Vorbild des methodistischen Indienmissionars Stanley Jones durch. Diese Tage der Stille, des Gebets, der Bibelbetrachtung und des Austauschs könnte man als Vorläufer der charismatischen Bewegung sehen. Auf solch einem Aschram habe auch ich mein Leben noch einmal ganz bewusst Jesus Christus anvertraut. Im Erzgebirge führte Pastor Manfred Gottschalk diese Arbeit weiter und entwickelte selbst einen starken Gebetsdienst.
„In Mecklenburg hatten die Pastoren Winfried Herschel und Eduard Riedner 1969 mit Jugendrüstzeiten [...] begonnen. Von 1975 bis 1986 kam es zu geistlichen Aufbrüchen mit Bekehrungen, Befreiungen und Heilungen und zum Aufbruch von Charismen.“ Pastor Herschel erlebte in Zittau (ab 1978) und Zeitz (ab 1988) in der evangelisch-methodistischen Kirche jeweils einen geistlichen Aufbruch mit Ausstrahlung weit über die Gemeinde hinaus. In Zittau ist z.B. die Suchtgefährdetenhilfe „come back“ daraus entstanden.
Eduard Riedner hatte den Mut, in der Emmaus-Gemeinde Dresden Konventionen zu sprengen und sich mit der gesamten Gemeinde dem Wirken des Heiligen Geistes zu öffnen. Somit wurde diese Gemeinde ein Hafen für viele, die sich nach der Nähe Gottes sehnten.
„1991 kam es zu einer ersten Begegnung der beiden Arbeitskreise Ost und West. Bei einer zweiten Begegnung im Frühjahr 1992 wurde in brüderlichen Gesprächen und mit Gebet und Segnung eine Vereinigung der beiden Arbeitskreise zu einem ‚Arbeitskreis für Geistliche Gemeindeerneuerung innerhalb der EmK‘ beschlossen. Reiner Dauner wurde zum Vorsitzenden und Dieter Weigel zum stellvertretenden Vorsitzenden des neuen Leitungskreises gewählt.“
Der Weg des AGG-EmK
Während bei der ostdeutschen Erneuerungsbewegung der evangelisch-lutherische Einfluss eine Rolle spielte, war es in der Bundesrepublik der katholische Theologieprofessor Heribert Mühlen, der auf Wunsch von Pastor Dauner ihm 1982 die Hände auflegte und ihn segnete, dass Gott ihn gebrauchen möge zur Erneuerung seiner Kirche. Zwar hatte Dauner zuerst nur an seine Ortsgemeinde gedacht, wie er in seinem Referat in Braunfels betonte, doch fragte ihn 1984 Bischof Sticher, ob er das Amt eines „Beauftragten für Missionarischen Gemeindeaufbau“ in der Zentralkonferenz Deutschland (West) übernehmen würde.
Fast jedes Wochenende hielt nun Reiner Dauner Gemeindewachstumsseminare – zuerst in Westdeutschland, später auch in den neuen Bundesländern – und durfte dabei „die charismatischen Elemente“ einbringen. Im Januar 1989 konnte dann ein „Arbeitskreis Erneuerung durch den Heiligen Geist“ gegründet werden (daher das 20-jährige Jubiläum!).
Seine Mitgliedschaft bei „World Evangelism“, einem weltweiten Gremium des „World Methodist Council“, ermöglichte Dauner, länderübergreifende Kontakte zu knüpfen. Dadurch gelang es, zu den seit 1991 in Braunfels stattfindenden charismatischen Herbsttagungen hochkarätige Gastredner einzuladen.
Auch Bischof Dr. Klaiber attestiert diesen Konferenzen Folgendes:
• Sie besitzen eine gewisse Weite durch den Kontakt zum weltweiten Methodismus.
• Sie vermitteln eine anziehende Spiritualität.
• Sie treffen ein Bedürfnis nach geistlichem Erleben.
• Hier herrscht eine wohltuende Ordnung.
• Sie verfügen über eine echte Lobpreis-Kultur: enthusiastisch ohne Ekstase.
• Sie sind ein Ort des Gebets.
Somit hat Pastor i.R. Dauner dem jetzigen Vorsitzenden des AGG-EmK, Andreas Kraft, ein gutes Erbe hinterlassen.
Zukunftsperspektiven
Zum Abschluss der Jubiläums-Mitarbeitertagung führte Pastor Kraft zehn Punkte auf: fünf, die sich auf mögliche Missverständnisse beziehen, und fünf, die als Verheißung geglaubt werden dürfen:
1. Charismatisches Denken ersetzt nicht charismatisches Leben.
2. Charismatische Erfahrung ersetzt nicht persönliche Heiligung.
3. Sentimentalität ist nicht der Willenskraft und ein Event nicht bleibender Erfahrung vorzuziehen.
4. Es muss nicht alles weitergehen wie bisher.
5. Selbst unsere kirchlichen Ordnungen geben uns keine letztgültige Sicherheit.
6. Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben.
7. Wir dürfen Bestätigung erwarten.
8. Wir dürfen und sollen profilierte Persönlichkeiten werden.
9. Wir werden die evangelistische Dimension wieder neu entdecken.
10. Wir vernachlässigen die empfangenen Gaben nicht!