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Bonus zum Titelthema
Messianische Juden in Deutschland und weltweit
Seit den 1960er Jahren gibt es wieder eine wachsende Zahl von Juden, die an Jesus, den Messias Israels und Erlöser der Welt glauben. Sie wollen jedoch nicht als „Christen“, auch nicht als Judenchristen verstanden werden, sondern nennen sich ganz bewusst „Messianische Juden“, weil sie an ihren jüdischen Wurzeln und Traditionen festhalten. Viele von ihnen sind auf sehr ungewöhnliche Weise zum Glauben an Jeschua (Jesus) gekommen. Einige sind ganz unmittelbar durch Erscheinungen und Visionen zu „Anhängern des neuen Weges“ geworden, andere beim Lesen der Hebräischen Bibel (dem Alten Testament) oder dem Neuen Testament. Wieder andere durch die Begegnung mit glaubwürdigen Christen, deren Lebensweise sie überzeugt hat.
Einer von ihnen ist Benjamin Berger, der zusammen mit seinem Bruder Ruben Berger eine messianisch-jüdische Gemeinde „Olive Tree Fellowship“ in Jerusalem leitet. Ihm ist wichtig, die Kontinuität in GottesWirken zu zeigen: Gott hat Israel nicht fallen gelassen oder gar enterbt. Es geht nicht darum, dass Juden zu einer der christlichen Kirchen konvertieren müssten, sondern es geht um eine Wiederherstellung der ursprünglichen Berufung Israels. Leidenschaftlich wendet sich Berger gegen die sog. „Ersatztheologie“. Diese besagt, dass die Juden unter einen ewigen Fluch gekommen seien, als sie Jesus Christus verworfen haben. Die (heidenchristliche) Kirche habe nun als „geistliches Israel“ die Verheißungen geerbt, die einst dem auserwählten Volk galten.
„Berger trifft Berger“
Bei der Begegnung „Berger trifft Berger“ kamen der Heidelberger emeritierte Professor für Neues Testament, Dr. Klaus Berger und Benjamin Berger nach Castell/ Unterfranken und in die GGE-Tagungsstätte nach Obernkirchen. Beide lehnten entschieden eine „Zwei-Wege-Theologie“ ab. Diese meint für die Juden genüge der bisherige Heilsweg des Gesetzes der Tora (ohne Jesus), für die Heiden aber sei Jesus der Weg zum Heil.
In großer Übereinstimmung haben beide Bergers das eine Volk Gottes aus Judenchristen und Heidenchristen betont. Jesus selbst und das ganze Neue Testament seien überhaupt nur auf dem Hintergrund des Judentums zu verstehen. Deswegen sei es angemessen, den messianischen Juden den gebührenden Platz im Volk Gottes zu geben. Es müssen Strukturen gefunden werden, die das ermöglichen.
Ein besonderes Problem ist das Zeugnis von Jesus Christus, Jeschua haMaschiach, unter den Juden. Der tief belastete Begriff „Judenmission“ wurde als untauglich angesehen, aber das Zeugnis von Jesus ist unentbehrlich und unverzichtbar. Beide Bergers betonten, dass dies nur durch unsere Glaubwürdigkeit geschehen könne. „Wir müssen Jesus bekennen durch unser Leben.“ So wie es von den ersten Christen hieß, sie waren „ein Herz und eine Seele“.
Zur Geschichte:
Messianische Juden hat es vom Beginn der Kirche an gegeben. Die ersten Christen verstanden sich als Teil des Gottesvolkes Israel. Sie nannten sich Brüder und Schwestern, Jünger, Heilige oder „Anhänger des neuen Weges“. In Antiochien (Syrien) wurden die an Jesus Christus Gläubigen zum ersten Mal „Christen“ genannt (Apg 11,26).
Es begann eine lange wechselhafte und sehr leidvolle Geschichte, in der zuerst die Heidenchristen nicht mehr unter dem Schutz einer ‚religio licita’, einer im römischen Reich erlaubten Religion, standen und später auch die Judenchristen, diesen Schutz verloren. Römische Christenverfolgungen begannen bereits im Jahre 64 n. Chr. und weiteten sich besonders in den Jahren 250, 257/58 und 303–312 aus.
Nach der Konstantinischen Wende begann jedoch für die Juden und auch die Judenchristen eine lange Leidensgeschichte. Für Letztere beinhaltete das: Wenn sie Jesus, ihrem Messias, innerhalb der christlichen Kirchen nachfolgen wollten, mussten sie ihre jüdischen Sitten, Bräuche und Feste ablegen. Somit wurde der Einfluss der Judenchristen auf die Kirche immer geringer. Eine kirchlich geduldete bis geförderte Judenfeindschaft setzte ein.
Theologisch führte dies dazu, dass trotz aller Warnungen des Apostel Paulus im Römerbrief, die Juden geistlich „enterbt“ wurden. Die Christen sahen sich als Erben der Verheißungen Israels. Man hatte die Mahnungen des Apostel Paulus im Römerbrief ganz vergessen oder ausgeblendet. Das machte schließlich eine Konversion von Juden zum Christentum fast unmöglich. Nur sehr vereinzelt bekehrten sich Juden zum christlichen Glauben.
Trotzdem gab es solche Bekehrungen, die aus verschiedenen Motiven, aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen, aber auch aus Glaubensgründen geschahen. Vor allem im liberalen Judentum des 19. Jahrhunderts wurden viele Juden Christen, um sozial ganz anerkannt und assimiliert zu sein. Viel stärker war zur gleichen Zeit eine Rückbesinnung auf die jüdischen Wurzeln und der wachsende Wunsch nach einem „Judenstaat“, wie ihn Theodor Herzl (1860–1904) propagiert hat.
Nach der Katastrophe des 20. Jahrhunderts – der Shoah, auch Holocaust genannt – kam es 1948 zur Gründung des Staates Israel.
Die heutige messianische Bewegung entstand in den 1960er Jahren in den Vereinigten Staaten von Amerika. Bald breitete sie sich auch in Israel und Europa aus.
Seit dem Sechs-Tage-Krieg (1967) findet man auch in Israel eine nennenswerte Zahl von Menschen, die an Jesus den Messias, Jeschua ha Mashiach, glauben. Sie haben viele jüdische Elemente in ihren Gottesdienst aufgenommen, feiern die jüdischen Feste, den Sabbat, halten sich an die Speisegebote und beschneiden die männlichen Kinder. Ganz bewusst halten sie an ihrem Judentum fest, geben aber Jesus dem Messias die Ehre. Messianische Juden vermeiden heute den historischen Begriff „Judenchristen“.
Mittlerweile hat sich das messianische Judentum weltweit verbreitet, wobei die Schätzungen über ihre Zahl weit auseinander gehen. Weltweit sollen zwischen 200.000 und 400.000 messianische Juden in bis zu 400 Gemeinden leben. Die meisten messianischen Juden leben in den USA, ca. 10.000 leben in Israel. In Deutschland gibt es ca. 20 Gemeinden und 19 jüdisch-messianische Gruppen. Für das Jahr 2005 nennt die EZW 1000 regelmäßige Gottesdienstbesucher, von denen 75 % messianische Juden sind. Die meisten von ihnen stammen aus den Ländern der ehemaligen Sovietunion (GUS) und sprechen als Muttersprache Russisch.
Gottesdienst in einer messianisch-jüdischen Gemeinde in Deutschland:
Bei einer messianisch-jüdischen Gottesdienstfeier, meist an einem Schabbat und in russischer Sprache, fallen zunächst die vielen jüdischen Symbole auf wie Menora (siebenarmiger Leuchter), israelische Flagge, Schofa (Widderhorn) , Kippa (Kopfbedeckung)und Tallit (Gebetsschal). Auch die Liturgie ist jüdisch geprägt: Die Teilnehmer zünden die Schabbatkerzen an, sprechen das Sch‘ma Jisrael (das jüdische Glaubensbekenntnis 5. Mose 6,4 – oft in gekürzter Form, singen hebräische Lieder und halten den Schabbatkiddusch. Ein Mitarbeiter liest aus der Tora und legt sie aus, der Gemeindeleiter spricht den Aaronitischen Segen und über die Kinder den Segen „Möge Gott dich wie Ephraim und Manasse bereiten“.
Manche Gemeinden rezitieren Gebete aus dem Siddur (einem jüdischen Gebetbuch) und oft erschallt am Ende des Gottesdienstes der Ausruf: „Amen. Baruch atta“ (Amen. Gepriesen seist du!)
Viele jüdische Rituale fehlen jedoch, wie zum Beispiel das Achzehnbittengebet, das Kaddischgebet oder das Lied „Adon Olam“.
Gemeinsam mit einem christlich-evangelischen Gottesdienst sind offene direkte Predigten, Lobpreislieder und persönliche Gebete, in denen der Glauben an Jesus, den Messias Israels zum Ausdruck kommen.
Ein deutlicher Unterschied besteht in der Feier des Heiligen Abendmahls. Darin unterscheiden sich jedoch auch die messianischen Gemeinden untereinander. In einigen Gemeinden wird es im Zusammenhang mit dem Passahfest gefeiert und ist mit der Passah-Liturgie (Halacha) eng verbunden. Allerdings gilt Jesus als das Lamm, das den Menschen von der Sünde befreit, und als das Mazzabrot, das geteilt, verborgen und wieder gefunden wird. Beim dritten Becher des Pessachweines, werden die Einsetzungsworte gesprochen. So verbinden messianische Juden den Ritus des jüdischen Festes mit der Einsetzung des Neuen Bundes.
Das Verhältnis der Juden zu den messianischen Juden
In Deutschland gibt es erhebliche Schwierigkeiten mit der offiziellen jüdischen Kultusgemeinde, die den möglichen Einfluss der messianischen Juden, vor allem auf jüdische Einwanderer aus den Staaten der GUS fürchten. Christliche Gemeinden, die mit messianischen Juden Beziehungen aufnehmen wollen, werden nicht selten über die Kirchenleitungen unter Druck gesetzt. Hier geht es um die Sorge einer erneuten „Judenmission“, die mehrere Landeskirchen in Synodenbeschlüssen abgelehnt haben.
Andere Stimmen betonen jedoch, diese Beschlüsse müssten dringend interpretiert werden, da man auch den Juden das Zeugnis von Jesus nicht vorenthalten dürfe.
Was glauben die messianischen Juden?
Auf einer Konferenz 1998 bekannten sich 100 messianische Juden sowie Gemeindeleiter Wladimir Pikman, Kirill Swiderski (BSSE), Anatoli Uschimirski (EDI) und Mischa Braker (amzi) zu folgenden „messianisch-jüdischen Glaubensartikeln“.
(Zitiert nach dem Faltblatt „Schma Israel“der EDI, Leinfelden-Echterdingen, 2000 )
. Wir glauben, dass die Bibel von Gott inspiriert ist. Sie ist sein einzigartiges, unbestreitbares, unteilbares und wahres Wort an alle Menschen. Die Bibel ist eine Sammlung von jüdischen, heiligen Schriften, die als Altes und Neues Testament eine untrennbare Einheit bilden.
. Wir glauben, dass Gott Einer ist und sich den Menschen als Vater, Sohn (Messias Jeschua) und Heiliger Geist offenbart.
. Wir glauben, dass Jeschua der verheißene Messias Israels ist, und dass er von einer Jungfrau geboren, wahrer Gott ist. Wir glauben, dass er ein sündloses Leben führte, viele Zeichen und Wunder tat, als Sündopfer für unsere Schuld starb und von den Toten auferstand. Er ist jetzt bei Gott zur rechten Hand des Vaters und wird bald zurückkehren in Macht und Herrlichkeit.
. Wir glauben, dass jeder Mensch aufgrund seiner Sünde dem Gericht Gottes verfallen ist. Rettung aus dem Gericht geschieht in der völligen Wiedergeburt durch den heiligen Geist. Die Wiedergeburt zeigt sich im Glauben an den Messias Jeschua und in der Buße.
. Wir glauben, dass der Heilige Geist auch heute wirkt. Er allein bewirkt, dass Menschen zum Glauben kommen und geistlich wachsen.
. Wir glauben an die Auferstehung der durch den Glauben Gerechtfertigten, an die ewige und selige Gemeinschaft mit Gott und Jeschua und dass alle anderen in ewiger Verurteilung und Qual bleiben.
. Wir glauben, dass alle an den Messias Jeschua Gläubigen geistlich in der Familie der Kinder Gottes verbunden sind, unabhängig von Nationalität und Wohnort.
. Wir glauben, dass der Glaube eines Menschen seine Nationalität nicht ändert, und dass Juden, die an Jesus glauben, weiterhin zu Israel, dem auserwählten Volk Gottes gehören.
. Wir glauben, dass an Jeschua gläubige Juden als Glieder des Volkes Israel und der geistlichen Familie der Kinder Gottes ihrem biblisch-jüdischen Erbe verpflichtet sind.
. Wir unterstützen den biblischen Zionismus, das heißt das Recht für Juden, in Israel zu leben.
. Wir glauben, dass messianisches Judentum heute die Fortsetzung des biblischen, rechtmäßigen Judentums ist.
. Wir glauben, dass ein richtiges Schriftverständnis und ein darauf gegründetes Leben möglich sind, wenn wir die biblisch-jüdischen Wurzeln verstehen. Dadurch können heidnische Einflüsse, die das Christentum 2000 Jahre hindurch geprägt haben [gemeint ist wohl: „beeinflusst haben“], erkannt und ausgesondert werden.
. Wir glauben, dass unsere biblische Verpflichtung darin besteht, die Wahrheit von Jeschua allen Menschen zu bringen, den Juden zuerst.
Zusammengestellt von Friedrich Aschoff unter Benutzung von EWZ 7/2009, S. 258ff. und Wikipedia.
(Pfr. i.R. Friedrich Aschoff, Ehrenvorsitzender der evangelisch-landeskirchlichen Geistlichen Gemeinde-Erneuerung gehört zum Beraterkreis der Zeitschrift Charisma – come Holy Spirit