Charisma 150 > Aus dem Magazim
Dr. Daniel Chiquete
Gloria a Dios
Entstehung und Entwicklung der lateinamerikanischen Pfingstbewegung
Die Entstehung und Entwicklung der Pfingstbewegung ist komplexer, als man bis vor einigen Jahren geglaubt hatte. Die Überzeugung einer multifokalen Entstehung wächst bei den Forschern, und damit wird die Geschichte dieser dynamischen, faszinierenden, revolutionären und vielfältigen religiösen Bewegung angemessener wahrgenommen. Es gilt anzuerkennen, dass die Erweckung in der Azusa Street von Los Angeles im Jahr 1906 zur weltweiten Ausbreitung der pfingstlich-charismatischen Frömmigkeit – unter anderem auch in europäischen Ländern wie Norwegen, Schweden, Russland und Deutschland – stark beigetragen hat. Andererseits muss man sich darüber im Klaren sein, dass der Geist parallel zu den Geschehnissen in den USA auch an anderen Orten der Welt, wie weit sie auch voneinander entfernt sein mögen – z. B. Schottland, Indien, Korea und Chile –, mit Kraft wirkte. In all diesen Ländern entstand nämlich eine Pfingstbewegung mit eigenem Profil, die durch Berührung oder Konfrontation mit der jeweiligen Religion, Kultur und Tradition eigene Charakteristika entwickelte.
Für Lateinamerika gilt die Hafenstadt Valparaiso in Chile als die Wiege der Pfingstbewegung. In Chile gab es, wie auch in anderen lateinamerikanischen Ländern, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts protestantische Kirchen, vor allem in den methodistischen und presbyterianischen Traditionen. Es war in der Methodistischen Episkopalen Kirche von Valparaiso, wo die ersten charismatischen Erscheinungen auftraten, besonders durch eine junge Frau namens Elena Laidlaw.
Elena Laidlaw, verwaist als sie zwei Jahre alt war, wuchs in einem Waisenhaus der methodistischen Kirche auf. Als junge Erwachsene verließ sie allerdings das Haus und führte bald ein ausschweifendes Leben – bis hin zur Prostitution. Nach einem Bekehrungserlebnis suchte sie Unterstützung in der methodistischen Gemeinde und wurde von Pastor Willis Hoover und seiner Frau Mary aufgenommen. Bald zeigte sich die Ernsthaftigkeit Elenas, die auch andere durch inbrünstige Ermahnungen zu einer tieferen Treue und Frömmigkeit animierte – nicht zuletzt durch Zungenbotschaften mit Auslegungen. Hoovers unterstützen sie darin und hegten keinen Zweifel, dass dies durch den Heiligen Geist gewirkt sei.
Von Valparaiso zog Elena nach Santiago, um in den methodistischen Gemeinden der Hauptstadt eine Erneuerung im Heiligen Geist auszulösen. Allerdings hatte zu dieser Zeit die methodistische Hierarchie (ausschließlich nordamerikanischer Herkunft) bereits eine ablehnende Haltung gegenüber den charismatischen Erscheinungen eingenommen und sie als „teuflisch“ abgestempelt. Viele Gemeindemitglieder dagegen hielten Elena für eine vom Geist erfüllte Prophetin. Die Situation wurde unerträglich, so dass Elena und ihre charismatischen Anhänger die Methodistenkirche verlassen mussten. Aus dieser Gruppe entstand kurz danach die Methodistische Pentekostale Kirche (Iglesia Metodista Pentecostal), die älteste Pfingstkirche Lateinamerikas und in der Gegenwart die größte in Chile.
Diese Ereignisse markieren die Entstehung der Pfingstbewegung, die jedes Jahr am 12. September gefeiert wird.