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Dann können sie die Kranken nicht mehr heilen

Charisma 145 > Aus dem Magazin

„Dann können sie die Kranken nicht mehr heilen ...“


Der langjährige Dozent an der theologischen Hochschule in Kairo, Otto F. Meinardus, erzählt, dass er in einem entlegenen Dorf einen koptischen Priester fragte, was seine beiden Söhne einmal werden sollen. „Priester“, lautet die Antwort. „Dann wirst du sie wohl nach Kairo zur Ausbildung schicken“, erwidert der Professor. „Nein“, kommt die Antwort höflich, aber bestimmt. „Ich werde meine Söhne selbst ausbilden.“ „Warum?“, möchte Professor Meinardus wissen. „Wenn ich meine Söhne an die Hochschule schicke, dann wissen sie zwar viel mehr, als was ich ihnen beibringen kann, aber sie können dann keine Kranken mehr heilen und auch keine Dämonen mehr austreiben“, so der koptische Priester. Und er fährt fort: „Was sollen sie dann in unseren Dörfern tun? Unsere Menschen haben kein Geld für Ärzte. Darum brauchen sie uns.“

Was haben wir verloren?


Er sei, so erzählt Meinardus, hier das erste Mal bewusst einer alten Kultur begegnet, die nie durch die großen abendländischen Umbrüche, die Renaissance, den Umbruch der Neuzeit und der Aufklärung, hindurchgegangen sei. Wir halten unseren Fortschritt für einen großen Gewinn. Doch sehen wir auch dem Verlust in die Augen, den unser Fortschritt mit sich gebracht hat? Wir können in der Kirche die Kranken nicht mehr heilen und die Dämonen nicht mehr austreiben. War dieser Verlust wirklich nötig?

Was uns die Evangelien erzählen


Die Frage nach der geistlichen Kraft, die Jesus seiner Gemeinde versprochen hat, ist auch in unseren Kirchen nie wirklich verstummt. Man halte sich nur vor Augen, was die Evangelien uns von Jesus erzählen: Der erste Tag seines Dienstes, ein Sabbat, ist vorbei. Mit ihm geht das Verbot der Arbeit zu Ende. Da schleppen die Menschen schon ihre Kranken an. Allen, die sich mit der Bitte um Heilung an Jesus wandten, hat Jesus geholfen. Bei keinem hat seine Kraft zur Heilung versagt.

Ein seltsamer Kontrast


Die Wirklichkeit unseres Gemeindelebens steht dazu in einem seltsamen Kontrast. Wir haben dieselbe Botschaft wie Jesus. Wir erzählen in unseren Gottesdiensten die Geschichten, die uns von ihm überliefert sind. Wir glauben an seine Gegenwart unter uns. Doch wann erwecken diese Geschichten noch Hoffnung auf Heilung? Kranke gab es nicht nur zur Zeit Jesu. Sie gibt es bis heute. Würden sie alle zu unseren Kirchen kommen wie damals zu Jesus, dann wären unsere großen Kirchen wahrscheinlich zu klein dafür. Doch sie kommen nicht. Woran liegt das? Sind wir nicht eher peinlich von jemandem berührt, der auf seine eigene Heilung oder auf die eines nahen Menschen zu hoffen und darum zu beten beginnt? „Häng deine Hoffnung nicht zu hoch!“, sagen oder denken wir, damit die Enttäuschung nicht zu groß wird.

Der Auftrag der Kirche


Unsere Kirche beruft sich für ihren Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums auf die Sendung Jesu bzw. auf die Aussendung seiner Jünger. Diese biblischen Abschnitte zeigen jedoch, dass es dabei um zwei Schwerpunkte geht, nämlich um Verkündigung und um Heilung. Dass Gott unter uns ist, soll durch Heilung und Hilfe deutlich und durch unsere Verkündigung angesagt werden.
Auch wenn es manchmal nur ein kleines Rinnsal war, so hat es in unseren Kirchen immer solche Heilungen durch die erbetene und geglaubte Gegenwart Jesu gegeben. Es ist gut, wenn solche Hoffnung wieder aufbricht.
Damit man in dieser Richtung gute Schritte wagen kann, ist eine dreifache Vergewisserung hilfreich:

1. Heilung ist Gottes Thema
Als Gott uns Menschen schuf, da meinte er unsere Ganzheit, nicht unser Defizit. Was wir sind, das hat Gott zunächst in seinem eigenen Herzen geschaut. Im Psalm 103 erinnern wir uns, dass Gott „alle deine Schuld vergibt und heilet alle deine Gebrechen“. Heilung ist also Gottes Thema. Die großen Propheten bestätigen das. Wenn Gottes gute Herrschaft einmal anbricht, dann wird das eine Zeit der Heilung sein: Die Blinden sehen, die Lahmen gehen, den Tauben wird das Gehör geschenkt ... Wer sich also vom Gott der Bibel bei der Hand nehmen lässt, um bei ihm zu lernen, was Hoffnung heißt, der erfährt: Heilung ist das große Thema Gottes.

2. Heilung gehörte zum Dienst Jesu
Dasselbe trifft für die Wirksamkeit Jesu zu. Mit dem ersten Tag seiner Wirksamkeit begann es. Wohin er kam, da brach die Hoffnung auf Heilung aus, weil Gottes Kraft der kommenden Welt mit ihm war.

3. Heilung – Wirklichkeit der Kirche

Heilungen gehören auch zum Weg der Kirche, zum Weg des Evangeliums. Als eines von vielen Beispielen: Der späteste Abschnitt des Neuen Testamentes (Markus 16,9–20) erzählt in der Rückschau von der ersten Zeit der Christenheit. Jesus habe ihnen konkrete Zeichen versprochen, die den Weg des Glaubens begleiten werden:

„... Kranken werden sie die Hände auflegen und sie werden genesen“, um daraufhin zu bestätigen: „Sie aber zogen aus und predigten überall, indem der Herr mitwirkte und das Wort durch die begleitenden Zeichen bestätigte.“

Räume der Hoffnung


Es tut unserer Kirche gut, wenn da und dort Menschen, Gruppen und Gemeinden Räume der Hoffnung schaffen, in denen Gott wirken kann. Begründet wird unsere Hoffnung dadurch, dass Heilung – noch lange, bevor es unser Thema wird – Thema Gottes ist, Auftrag Jesu war, Auftrag der Kirche ist. Wenn wir das lange vergessen haben, dann haben wir es halt jetzt langsam und sorgsam wieder zu lernen ...


Wolfgang J. Bittner


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