Charisma 152 > Aus dem Inhalt
Patrick Hamilton
Christen außerhalb der verfassten Gemeinden
Christsein ist für viele Gläubige untrennbar mit einer festen, verbindlichen Gemeindezugehörigkeit verbunden. Sie empfinden es als höchst problematisch, wenn Menschen ihren Glauben zwar bewusst und überzeugend leben, aber keine feste Bindung an eine lokale Ortsgemeinde eingehen. Mit Recht verweisen sie darauf, dass eine solche Bindungslosigkeit dem sogenannten „Schmetterlingschristentum“ Vorschub leistet: Man geht hierhin und dorthin, pickt sich die Rosinen aus dem Kuchen christlicher Möglichkeiten heraus, entzieht sich aber gleichzeitig der eigenen Mitverantwortung und ist nicht bereit, sich verbindlich einzuordnen.
Im Mittelpunkt: das eigene Ich
Ja, diese Gruppe von Christen außerhalb herkömmlicher Gemeindestrukturen gibt es, Tendenz zunehmend. Ist sie nicht Ausdruck unserer egomanen Gesellschaft in ihrer christlichen Spielart? Im Mittelpunkt steht das eigene Ich, vielleicht auch frommer Erlebnishunger und vielfach eine Art „heiliger“ Unverbindlichkeit, oftmals begründet mit dem unschlagbaren Argument, dass Gott ihnen dies so gezeigt habe. Christliche Gemeinde wird dabei als eine Art Angebotskatalog verstanden: Aus vorhandenen Optionen pickt man sich Interessantes und Aufregendes heraus, während man unangenehme oder unbeliebte Themen meidet. Und so wundert es nicht, dass rauschende Worship-Nächte und beeindruckende christliche Großveranstaltungen sehr hoch im Kurs stehen.
Da wir in einer Gesellschaft leben, in der die Erfüllung von Individualwünschen im Mittelpunkt steht, ist dies durchaus nachvollziehbar. Denn selbst in Gemeinden hat individualistisches Denken längst Einzug gehalten im Sinne von: Mein privates Glaubensverständnis, mein Seelenheil und meine geistliche Bedürfnisbefriedigung sind die Grundparadigmen meines religiösen Handelns.
Was aber ist mit denjenigen Christen, die sich nicht den beschriebenen Gruppen zuordnen lassen, sondern einen authentischen und zugleich verbindlichen Glauben leben, dabei allerdings den verbreiteten Kirchenformen gegenüber Distanz wahren? Sind sie etwa Boykotteure – oder einfach nur Menschen, die ihre Gemeinden verlassen haben, weil man sie dort verletzt oder nicht akzeptiert hat? Sicher gibt es diese Fälle und sicher gibt es auch Christen, die geistlich suchend oder heimatlos sind und an verschiedene Kirchentüren anklopfen, um ihren Platz zu finden. Diese Gruppen sollen jedoch im Folgenden nicht Thema sein.
Was bedeutet Gemeinde für Sie?
Gestatten Sie mir eine ganz persönliche Frage: Was bedeutet Gemeinde für Sie, welche Rolle spielt sie in Ihrem realen Leben? Geht es dabei um Ihre persönliche Mitgliedschaft bei einer eingetragenen Religionsgemeinschaft, in der Sie ähnlich wie in einem Bücherlesezirkel ein Abonnement für regelmäßigen Gottesdienstbesuch und diverse Sonderleistungen gebucht haben? Oder ist Gemeinde möglicherweise ein Platz, an dem Sie sich engagiert einbringen und mitarbeiten? Ein Platz, an dem geistlich fundierte authentische Beziehungen zu Glaubensgeschwistern wachsen sollen?
Ich möchte gern den Fokus auf wachsende authentische Beziehungen und die hierfür nötige Beziehungsfähigkeit legen. Denn dies ist eines der Grundmerkmale, die den christlichen Glauben von anderen Religionen unterscheiden. Wie oft aber läuft es so, dass wir Sonntag für Sonntag den Gottesdienst besuchen, die Predigt hören, uns an Lobpreis und Gebet beteiligen … als faszinierte Zuschauer dessen, was vorne geschieht! Nebenbei betrachten wir ein bis zwei Stunden lang den Hinterkopf des vor uns Sitzenden und berichten im Anschluss, welch wunderbare Gemeinschaft wir heute wieder miteinander gehabt haben. Paradox? Oder einfach nur christlicher Jargon?
Nichts gegen große Veranstaltungen, guten Lobpreis, brillante Predigten oder Zeichen und Wunder! Aber für eine auf Beziehungen basierende „Gemeinschaft der Heiligen“ reicht das nicht aus! Und im Mittelpunkt unseres christlichen Glaubens stehen Beziehungen: zum einen die Beziehung zu Jesus Christus und deren stetige Fortentwicklung, zum anderen echte Beziehungen zu anderen Christen. Erst danach folgen bestimmte Aktivitäten, Programme und missionarische Anstrengungen. Vor diesem Hintergrund müssen wir uns die Frage stellen: Könnte es vielleicht sein, dass sich manches eingetragene Mitglied einer christlichen Gemeinschaft eher am Rande dessen befindet, was die Heilige Schrift unter Gemeinschaft/Gemeinde versteht, während einige von den Menschen, die sich selbst keiner Institution anschließen, wohl aber in regelmäßiger, authentischer und verbindlicher christlicher Gemeinschaft miteinander leben, diesem Ideal der Bibel deutlich näher kommen?
Hunger nach Tiefgang
Wir leben in einer Generation, in der viele Menschen Spiritualität suchen, aber einen großen Bogen um das Christentum machen. Auch unter Christen scheint es diesen unerfüllten Hunger nach mehr Tiefe und die Unzufriedenheit über den Status quo zu geben:
So ist zu beobachten, dass neben bestimmten Einzelgemeinden gerade Hauskirchen und sogenannte „Simple Churches“ (einfache Gemeinden) eine starke Ausrichtung auf echte tragfähige Beziehungen zwischen den Gläubigen haben, verbunden mit einer klaren Ausrichtung auf Jesus, der im Mittelpunkt steht. Bei aller Unterschiedlichkeit sind diesen Gemeinden zwei Dinge gemeinsam: Echtheit und vorgelebter Glaube als Plattform geistlichen Wachstums. Dabei folgen auf das authentische christliche Leben, verbunden mit einer tiefen Beziehung zu Jesus und den Glaubensgeschwistern, oft ganz natürlich Zeichen und Wunder.
Eine weitere Gruppe von „Aussteigern“ ist gerade unter reiferen Christen zu finden…
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