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Charisma-Gespräch mit Reiner Lorenz

Charisma 149 > Aus dem Magazin

Charisma-Gespräch mit Reiner Lorenz
Pastor der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Essen-Altendorf

Gerhard Bially: Du bist mit dem Begriff „Emerging Church“ vor einiger Zeit konfrontiert worden und hattest zuerst Schwierigkeiten damit. Was hat dir am Anfang Probleme bereitet?
Reiner Lorenz: Zunächst habe ich Anliegen gehört wie „Wir wollen die Menschen draußen erreichen, wir wollen wissen, wie sie leben, wir wollen uns in ihre Kultur hineinbegeben“. Da dachte ich: „Was ist denn daran neu?“ Das ist doch seit Langem vertraute Missionstheologie.

Von der Gestalt her dachte ich an Hauskirchen. Anfang der 80er-Jahre habe ich einen Sommer in einer
Hauskirche in den USA verlebt und Vor- und Nachteile gesehen. Aktuelle Versuche dieser Art in unserer Ruhrmetropole haben mich nicht beeindruckt. In entsprechender Literatur begegneten mir so manche Sätze pauschaler Geringschätzung bisheriger Gemeindeansätze und einseitige Darstellungen der bisherigen Kirchengeschichte. Das hat mich zum Teil richtig geärgert.
So sah ich erst mal keinen Grund, mich weiter damit zu befassen.

G.B.: War es nicht das Seminar eines Gastredners bei euch im Studiencenter des igw1 in Essen, das dir dann den rechten Blick vermittelt hat?
R.L.: Ja, Neil Cole kam im Februar 2006 zu einer Gastvorlesung zum Thema „Greenhouse – Organische Gemeindeentwicklung“2 für mehrere Tage ins Studiencenter des igw in Essen. Dort habe ich zum ersten Mal die Unterschiede verstanden: Die Reihenfolge macht den Unterschied.

G.B.: Die Reihenfolge macht den Unterschied – wie ist das zu verstehen?
R.L.: Zunächst einmal: Evangelisation steht an der ersten Stelle. Konzentriere dich im Gebet und suche auf der Straße solche Menschen, die schon jetzt Multiplikatoren beziehungsweise Schlüsselpersonen sind. Sprich mit ihnen so, dass sie das Evangelium verstehen. Jetzt kommt das Interessante: Wenn so jemand sich für Jesus entscheidet, dann soll er nicht in eine bereits bestehende Gemeinde und deren Kultur gebracht werden, sondern Gemeinde soll sich um ihn herum entwickeln, also in seinem Umfeld, mit seinen Freunden, die er jetzt versucht für Jesus zu gewinnen. Das kann in seinem Wohnzimmer sein und das kann irgendwo in einem Café oder an einem beliebigen Ort sein.
Das heißt: Nach der Evangelisation kommt als Zweites die Herausforderung zur
Jüngerschaft. Die neuen Christen sollen Jünger werden in ihrem Umfeld. Sie sollen lernen, sich aus dem Wort Gottes, aus Gebet und Gehorsam in kleinster Gemeinschaft im Alltag zu ernähren. Dabei entwickelt sich Gemeinde. Freunde und Nachbarn sollen zum Glauben kommen und damit soll dann als Drittes Gemeinde entstehen – ohne Gebäude und ohne angestellte Pastoren.

G.B.: Aus welchem Grund werden die neuen Christen nach der Evangelisation nicht in bestehende Gemeinden eingebunden?
R.L.: Die neuen Christen sollen extra nicht mit bisherigen Gemeinden groß in Berührung kommen, weil man sagt – und das ist sicherlich eine besondere Blickrichtung –, die traditionellen Gemeinden sind zu stark konsumorientiert. Das sei die stärkste Gefährdung für eine echte Jüngerschaft. Diese Kritik – finde ich – ist eine echte Herausforderung.
Deswegen die Divise: Distanz zu „traditionellen“ Gemeinden und keine Zeit verschwenden, diese fremde Kultur kennenzulernen. Man vertraut also weniger der „Erfahrung bisheriger Gemeinden“ als vielmehr der prägenden Kraft des Wortes Gottes im eigenen Umfeld. Deshalb ist es für die neuen Christen total wichtig, durch intensives Bibellesen mit der „DNA“ Jesu „infiziert“ zu werden. Wenn solch eine Kleinstgemeinde eine kritische Größe erreicht hat, dann würde man von dort aus direkt versuchen, eine andere Person zu erreichen, die so ein Multiplikator ist, die jetzt schon eine Schlüsselfigur ist für andere Menschen, um dort – und das ist jetzt der vierte Punkt – durch
Multiplikation wieder Jüngerschaft zu lehren und dabei entsteht wieder eine neue Gemeindezelle.
Jetzt hatte ich verstanden, was überhaupt neu ist.

G.B.: Hat Neil Cole auch Beispiele gebracht oder ist das bis jetzt nur Theorie?
R.L.: Es war spannend zu hören, wie Neil seine ersten Versuche machte und dann selbst überrascht war, dass hier eine Dynamik entstanden ist, die bereits nach wenigen Jahren alle Kontinente erreicht hat. Natürlich sind auch Gruppen wieder eingegangen und es gibt auch Krisen, aber wo gibt es die nicht?
Dem Start der ersten Gruppe ging eine gründliche Phase des Studiums voraus. Neil Cole hat sich mit Gemeindebewegungen in verschiedenen Ländern beschäftigt, sowohl mit solchen aus der Erweckungsgeschichte als auch mit aktuellen, unter anderem natürlich mit der Hauskirchenbewegung in China. Das fand ich schon mal sehr wohltuend. Hier ist ein gut reflektierter Ansatz entstanden.

G.B.: Wie bewertest du dieses Konzept im Hinblick auf die neutestamentlichen Berichte, in denen Neubekehrte „der Gemeinde hinzugetan“3 wurden?
R.L.: Nun, die meisten Leiter kennen die Herausforderung der Integration von neuen Christen. Theoretisch bejahen wir sie alle. In der Praxis klappt es zum Teil wunderbar, zum Teil auch gar nicht. Die kulturellen Hürden sind manchmal stärker, als uns lieb ist. Und somit kämpfen wir mit einer hohen geistlichen Säuglingssterblichkeit oder auch damit, dass Christen ein Leben lang geistliche Babys bleiben.
Ich spüre in den neuen Ansätzen den Rettungseifer unseres Gottes und bin sehr dankbar dafür. Wir können hier Menschen erreichen, die wir auf anderen Wegen nie erreichen. Ich sehe diese neuen Wege als Ergänzung und nur zum Teil als Ablösung bisheriger Modelle. So wie Gott im Neuen Testament unterschiedliche Gemeindemodelle hat wachsen lassen, so will er sie heute sicher auch gebrauchen. Entkirchlichte Leute haben zu unterschiedlichen Modellen Zugang.

G.B.: Worüber sollten unsere bestehenden Gemeinden deines Erachtens nachdenken? Ist der Vorwurf berechtigt, man kümmere sich hier nur um sich selbst?
R.L.: Nun, die manchmal geschmähte Innenorientierung von Gemeinden gehört unbedingt zur seriösen Gemeindearbeit dazu. Wenn sie allerdings – wie häufig zu sehen – alles Missionarische erstickt, dann ist die Kritik der neuen Bewegungen an bestehenden Gemeinden absolut im Sinne Jesu. Die Sogkraft einer zu großen Innenorientierung hat ihre Ursache allerdings stärker im Menschen selbst als in der Gemeindestruktur.
Ich habe zwei Hoffnungen: Bereits bestehende Gemeinden lassen sich in Jüngerschaft und Mission neu herausfordern und neue Gemeinden in neuen Formen ergänzen die Schlagkraft des Reiches Gottes.

G.B.: Vielen Dank, Reiner!


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