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Interview mit Dietmar Roller von der Kindernothilfe Duisburg
Gerhard Bially: Was ist die Kindernothilfe?
Dietmar Roller: Die Kindernothilfe ist eines der größten christlichen Kinderhilfswerke in Europa mit Sitz in Duisburg. Gegründet wurde sie Ende der 50er Jahre. Sie ging hervor aus der ev. Kirchengemeinde in Buchholz. Die Christen hatten den Eindruck, dass es ihnen nach dem 2. Weltkrieg wieder so viel besser ging und wurden auf einem Kirchentag inspiriert von dem Wort: „Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Ausgehend davon haben sie angefangen, Kinder in Indien zu unterstützen. Aus dieser sehr kleinen privaten Initiative wurde eines der größten christlichen Kinderhilfswerke. Wir sind in 27 Ländern auf allen Kontinenten vertreten mit dem Ziel, Kindern in besonders schwierigen Lebenslagen eine Hilfe zu sein und mit ihnen zusammen auch Dinge zu gestalten.
G.B.: Es heißt ja, Spenden seien in den letzten Jahren zurückgegangen. Hat Ihr Werk ein besonderes Erfolgsrezept?
D. Roller: Die Kindernothilfe hat von Anfang an mit Patenschaften gearbeitet, die man für ein Kind übernehmen kann. Dadurch hatte man sehr engen Bezug zu dem, was vor Ort geschieht. Das ist bis heute so geblieben und ein ganz wichtiger Punkt. Allerdings beschränken sich die Beziehungen der Paten in Deutschland nicht mehr nur auf ein Kind. Dahinter steht oft eine ganze Gemeinschaft, weil wir gemerkt haben: in der Dorfgemeinschaft ein Kind hervorzuheben, wäre nicht gerecht. So hat das Kind mehr eine Botschafterfunktion für das Projekt vor Ort. Aber trotzdem kann man als Spender ganz nah am Projekt sein. Das hat uns bis heute geholfen, eine sehr glaubwürdige Arbeit zu tun.
Dennoch betrifft es auch uns, dass der „Spendenkuchen" nicht größer wird und es immer neue Hilfsorganisationen gibt und damit auch ein bisschen Kampf. Wir sind bisher noch ganz gut dabei weggekommen. Wir haben keine großen Verluste, aber wir haben auch keinen Zuwachs mehr. Die Kindernothilfe ist in den 70er, 80er und 90er Jahren sehr stark gewachsen, aber im Moment ist es eher gleichbleibend.
G.B.: Was ist Ihre persönliche Aufgabe in der Kindernothilfe?
D. Roller: Ich bin im Vorstand verantwortlich für die Programm- und Projektarbeit weltweit. Das sind im Moment etwa 1100 Projekte in 27 Ländern.
Die Kindernothilfe arbeitet immer mit Partnerorganisationen vor Ort zusammen, das sind Kirchen, Kirchengemeinden, keine Regierungsorganisationen. Die meisten haben einen christlichen Hintergrund, wenn sie nicht direkt Kirche sind. Die Zusammenarbeit hat einen doppelten Vorteil: Zum einen kennen sie die Situation vor Ort sehr viel besser als wir. Sie sind auch noch da, wenn wir längst nicht mehr da sind. Zum anderen baut man ein Stück Zivilgesellschaft vor Ort auf.
G.B.: Gibt es neben der Zentrale in Duisburg nur die jeweiligen Feldgebiete ?
D. Roller: Wir haben drei Referate für Asien, Afrika und Lateinamerika, die speziell in die Region hineinarbeiten. In diesen Referaten gibt es dann wiederum Arbeitsgruppen, die ein Teilgebiet haben. Zum Beispiel: Lateinamerika, Honduras, Guatemala, Ecuador. Das ist eine Arbeitseinheit; diese ist verantwortlich für die Zusammenarbeit mit den Partnern in den jeweiligen Ländern. In einigen dieser Länder gibt es ein ganz kleines Büro der Kindernothilfe. Wir legen sehr viel Wert darauf, dass möglichst viel von dem, was gespendet wird, direkt bei den Kindern ankommt. Das sind etwa 85 Cent pro Euro. Wer bei uns mitarbeitet, muss Christ sein. Das gehört auch dazu.
G.B.: Gibt es Etappen, von denen Sie sagen „das hat sich im Laufe der Jahre verändert, davon sind wir ganz abgekommen, das haben wir neu erkannt ..." Gibt es solche Meilensteine?
D. Roller: Die Kindernothilfe hat sich einerseits mit den gesamten Erkenntnissen in der Entwicklungszusammenarbeit verändert. Dazu kommen natürlich auch eigene Erfahrungen, die wir gemacht haben, die unsere Programm- und Projektarbeit immer mehr verfeinert haben.
Ganz am Anfang gab es in den meisten Ländern in dörflichen Gebieten kaum Schulen. Kinderheime, Schülerwohnheime, das war so ein Anfang der Kindernothilfe. Dort sind die Kinder einerseits gefördert, aber ihren Familien auch ein Stück entfremdet worden. Das hat man erkannt und versucht, die Arbeit dorthin zu verlegen, wo die Kinder sind. Es sind Programme erstellt worden für Schulen im ländlichen Bereich, um in den Slums mit Schulen und mit Bildung vor Ort zu sein.
Daraus ist dann der ganze Bereich der Gemeinwesenentwicklung entstanden. Man hat gemerkt: Wenn man einem Kind helfen will, dann ist es am besten, wenn man der Familie hilft. Denn dann kann das Kind zur Schule gehen und es hat die Liebe und die Nähe zur Familie. Und so ist man auf diesen Community Development -Ansatz gekommen, weil man gesagt hat: Familie ist wiederum eingebunden in die Dorfgemeinschaft und da muss man neu Strukturen legen, neu drüber nachdenken.
Als Kindernothilfe sprechen wir immer von „kinderzentrierter Gemeinwesenentwicklung". Das heißt: Wir sehen das Ganze immer vom Kind her: Was brauchen Kinder, was muss entwickelt werden, damit Kinder am meisten davon profitieren. Da geht es immer um Gesundheit, um Bildung, um Ausbildung generell, um Familienförderung und das eben im Gemeinwesen.
Dazu kommt, dass es auch Kinder in besonders schwierigen Lebenslagen gibt. Armut ist das größte Hemmnis für Kinder, sich gesund und nachhaltig zu entwickeln, aber wenn ein Kind z.B. behindert ist, dann ist es doppelt benachteiligt. Da muss man ganz besonders eingreifen. Sexueller Missbrauch von Kindern geschieht ganz häufig auch aus Armut heraus. Familien geben ihre Kinder in die Stadt in der Hoffnung, dass es ihnen dort besser geht. Die Mädchen landen dann im Haushalt mit oft 4, 5 oder 6 Jahren, arbeiten oft 12, 13 oder 14 Stunden und nachts kommt dann oft noch der Missbrauch dazu.
In Indien ist besonders ausgeprägt, dass Kinder und Jugendliche und junge Frauen in Prostitution gehen. Ich war vor kurzem in einem dieser Gebiete, wo bis zu 6000 Prostituierte arbeiten. Wir haben in einem dieser Viertel ein Projekt mit kath. Nonnen. Das Projekt hat mich sehr beeindruckt, weil diese Nonnen zum Teil sehr jung sind, 22 oder 23 Jahre alt. Sie sehen es als Berufung, mitten in diesem Prostituiertenviertel zu arbeiten, einem Viertel, in dem die HIV-Aids-Rate sehr hoch ist und man eben auch die Auswirkungen von Kinderhandel sehr deutlich sehen kann. Ich war mit den Nonnen unterwegs und sah eine junge Prostituierte, die ein kleines Baby dabei hatte. Die Nonne erklärte mir: „Dieses Kind wurde gestern hierher gebracht. Diese Frau hat es gekauft." Ich sagte: „Wie – gekauft?"
Es ist so, dass die Prostituierten eine Altersversorgung brauchen und das sind dann eben wieder junge Mädchen, die später für sie arbeiten. Die Kindernothilfe arbeitet mit Organisationen, um Aufklärung zu leisten und um diesen Handel zu unterbinden und auf der anderen Seite auch in diesen Bordellvierteln. Das sind ganze Straßenzüge mit Prostituierten. Die Kinder wohnen dann unterm Bett und auf dem Bett wird dann „gearbeitet" sozusagen.
Ich bin immer wieder bewegt, wie unsere Partner in solch einer Situation nicht nur das Vertrauen der Prostituierten haben und da arbeiten können und Menschen wirklich heraus helfen aus diesem System, sondern dann eben auch für die Kinder da sind und für viele Kinder eine neue Perspektive schaffen im Laufe der Jahre.
Also muss man bei Projekten vor Ort Kinder nicht nur aus einer solchen Situation heraus holen. Es ist ganz wichtig, dass wir ihnen dann auch eine Zukunftsperspektive schenken. Solche Ansätze sind bei uns weit verbreitet. Im Laufe der Jahre haben wir immer mehr erkannt hat, dass es nicht so gut ist, etwas für die Leute zu tun, sondern man muss es mit ihnen tun. Und da ist so ein Wechsel ganz wichtig, dass man den Sprung macht vom Objekt zum Subjekt. Dass man arme Menschen nicht als Objekte für unsere Hilfe sieht, sondern als Subjekt in ihrer eigenen Entwicklung.
Das ist ein ganz wichtiger Schritt, dass Kinder in der Lage sind, ihre eigene Zukunft zu gestalten, dass Kinder partizipieren an den Projekten. Das fängt damit an, dass beim Projektbeginn die Kinder auch mitreden. Es geht weiter, dass Kinder in manchen Projekten bis hin im Projektkomitee sitzen und mitreden. Das ist in den letzten Jahren eine neue Erkenntnis, ausgehend von dem auf Rechte basierenden Ansatz, indem man den Kindern sagt, ihr habt das Recht auf Schule. Wenn ich auf etwas ein Recht habe, dann muss ich nicht betteln, sondern dann kann ich das Recht einfordern. Das macht einen Unterschied, vielleicht nicht auf den ersten Blick, aber für das Selbstbewusstsein der Kinder und für die Art, wie man damit umgeht, ist das ein ganz anderer Ansatz.
G.B.: Wenn ich das richtig verstehe, sind Ihre Mitarbeiter keine Missionare, sondern arbeiten vor Ort mit Kirchen und christlichen Organisationen zusammen.
D. Roller: Die Kindernothilfe ist ein christliches Hilfswerk, keine Mission. Wir sehen aber schon einen diakonisch-missionarischen Auftrag. In unserer Ausrichtung sind wir sehr projektorientiert, arbeiten allerdings mit Organisationen vor Ort zusammen, die das missionarische Zeugnis dann eben auch mittragen. Wir haben ganz wenige Mitarbeiter von hier ausgesandt. In der Regel arbeiten wir von Duisburg aus und haben lokale Mitarbeiter.
von einem Baptistenverbund berichtet, wo Sie unter den Frauen besonders wirken. Ich habe gehört, dass sich in Äthiopien auch charismatischer Aufbruch in den traditionellen Kirchen niedergeschlagen hat. Ist es auch dort bei den Baptisten, oder sind sie doch mehr evangelikal im strengen Sinn?
D. Roller: Im Detail kann ich das nicht sagen, aber generell existieren diese sehr starken Trennungen, die wir vornehmen, in vielen Ländern des Südens so gar nicht. Ich kann von Tansania her argumentieren, weil ich das sehr gut kenne und lange Jahre dort gelebt habe. Da ist es durchaus so, dass auch ein charismatischer Aufbruch innerhalb der lutherischen Kirche da ist und er existiert parallel zu allen anderen Formen und kann das auch. Das, was wir in Europa und vor allen Dingen in Deutschland mit unserer jüngeren Kirchengeschichte erlebt haben, mit der Berliner Erklärung und mit allem, was bis heute ein Stück nachwirkt, sehe ich in vielen Ländern des Südens nicht. Da ist man sehr viel offener und auch in der Zusammenarbeit sehr viel weiter. Man sieht einfach das Wirken Gottes.
Die Baptistenkirche in Äthiopien ist sehr offen und eine der schnellst wachsenden Kirchen. Auch da verwischt sich das Bild wieder. Gemeindewachstum in Afrika z.B. ist ja enorm, aber das richtet sich auch nicht nach einer theologischen Richtung aus, sondern da gibt es die ganze Breite, wo Gott am Wirken ist.
G.B.: Auf der Tagung der „Arbeitsgemeinschaft Pfingstlich-Charismatischer Missionen“ (vgl. Charisma 144, S. 15) machten Sie die interessante Aussage: „Es gibt keine Müllhalde, auf der nicht eine Pfingstgemeinde entsteht." Sie sind zwar selbst kein Pfingstler, sondern sind in Baden-Württemberg in der Methodistenkirche groß geworden, und gehören jetzt der Freien Evangelischen Gemeinde in Goch an. Wie ist es zu erklären, dass gerade Pfingstgemeinden auf den Müllhalden anzutreffen sind?
D. Roller: In der Tat ist es ein weltweites Phänomen, dass die charismatischen Gemeinden und die Pfingstkirchen mit am schnellsten wachsen. Es ist nicht nur in Lateinamerika so, auch in Afrika und Asien. Ich denke, ein Grund ist , dass Pfingstgemeinden immer sehr nahe bei den Menschen sind und sich nicht scheuen, dort Gemeinde zu bauen, wo man es eigentlich nicht erwartet - nämlich auf einer Müllhalde, in einem Slum ... dort, wo andere noch sehr viel mehr Berührungsängste haben. Auch von Ihrer Theologie und vom Wirken her sind sie ganz nah bei den Menschen, z.B. mit der Erfahrung von Wundern, von Zeichen, die ja eigentlich schon zu ihrem traditionellen alltäglichen Weltbild gehören.
Ich sage immer: Wir hier im Westen haben diese Mittel ausgelassen. Ich denke, dass die Kraft des Heiligen Geistes wirklich Veränderungen schenkt, die sichtbar werden. Das ist die Hauptanziehungskraft: dass Menschen verändert werden.
G.B.: Würde da jetzt eine Gruppe auf der Müllhalde stehen und die Hände hochheben, Gott loben und preisen und in Zungen singen?
D. Roller: Die Leute, die vor Ort sind, leben auf oder an der Müllhalde. D.h. die Gemeinde ist sehr stark kontextualisiert, sie hat die Erfahrungen. Die Gemeindeleiter kommen auch nicht von außen. Der Pastor ist ein einfacher Mann, der selber Müll sammelt, der die Nöte der Menschen kennt, der da ist. Abends kommt man zusammen zur Anbetung Gottes, zum Singen, zum Lobpreis und macht die Erfahrung, dass Gott da ist, dass er nahe ist, dass er hilft, dass man mit ihm rechnen kann. Diese Nähe und Ursprünglichkeit ist das, was die Pfingstgemeinden so attraktiv macht.
G.B.: In Deutschland gibt es viele Ehepaare, die sich ein Kind wünschen und trotzdem ist es so schwer, ein Kind zu adoptieren. Warum wird das eigentlich nicht erleichtert, warum können Organisationen wie Ihre nicht auch mithelfen?
D. Roller: Wir sehen das eher kritisch, weil diese Kinder nicht die Zielgruppe sind, sondern weil es in den Ländern sehr häufig einen regelrechten Adoptionshandel gibt. Kinder kommen quasi in ein Handelssystem hinein. Es wird Geld für sie bezahlt für die Adoption. Kinder, die oft gehandelt werden, sind eben Kinder, die wiederum zu dem Zweck irgendwo gekauft wurden, womit man sozusagen den Kinderhandel eher noch fördert, anstatt ihn zu stoppen.
Anders sieht es im Land selber aus, da gibt es schon Strukturen, wo Adoption Sinn macht.
Ich möchte nicht sagen, dass es überhaupt keinen Sinn macht, ein Kind von hier aus zu adoptieren, aber da muss man schon sehr genau hinschauen und dafür sind wir keine Spezialisten. Da würde ich immer empfehlen, sich an das Diakonische Werk in Düsseldorf/Kaiserswerth zu wenden, die haben spezielle Beziehungen zu Indien und zu anderen Ländern. Und da kann man eine Adoption legal machen. Bei dieser Art Adoption hat man dann auch die Gewissheit, dass man wirklich ein bedürftiges Kind adoptiert und nicht noch den Kinderhandel „anheizt", indem man dafür einen Markt schafft.
G.B.: Vielen Dank für das Gespräch. Wir schätzen Ihre wertvolle Arbeit und wünschen Ihnen weiterhin Gottes Segen.
Gerhard Bially ist der Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift Charisma.
Interview mit Dietmar Roller von der Kindernothilfe Duisburg
Gerhard Bially: Was ist die Kindernothilfe?
Dietmar Roller: Die Kindernothilfe ist eines der größten christlichen Kinderhilfswerke in Europa mit Sitz in Duisburg. Gegründet wurde sie Ende der 50er Jahre. Sie ging hervor aus der ev. Kirchengemeinde in Buchholz. Die Christen hatten den Eindruck, dass es ihnen nach dem 2. Weltkrieg wieder so viel besser ging und wurden auf einem Kirchentag inspiriert von dem Wort: „Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Ausgehend davon haben sie angefangen, Kinder in Indien zu unterstützen. Aus dieser sehr kleinen privaten Initiative wurde eines der größten christlichen Kinderhilfswerke. Wir sind in 27 Ländern auf allen Kontinenten vertreten mit dem Ziel, Kindern in besonders schwierigen Lebenslagen eine Hilfe zu sein und mit ihnen zusammen auch Dinge zu gestalten.
G.B.: Es heißt ja, Spenden seien in den letzten Jahren zurückgegangen. Hat Ihr Werk ein besonderes Erfolgsrezept?
D. Roller: Die Kindernothilfe hat von Anfang an mit Patenschaften gearbeitet, die man für ein Kind übernehmen kann. Dadurch hatte man sehr engen Bezug zu dem, was vor Ort geschieht. Das ist bis heute so geblieben und ein ganz wichtiger Punkt. Allerdings beschränken sich die Beziehungen der Paten in Deutschland nicht mehr nur auf ein Kind. Dahinter steht oft eine ganze Gemeinschaft, weil wir gemerkt haben: in der Dorfgemeinschaft ein Kind hervorzuheben, wäre nicht gerecht. So hat das Kind mehr eine Botschafterfunktion für das Projekt vor Ort. Aber trotzdem kann man als Spender ganz nah am Projekt sein. Das hat uns bis heute geholfen, eine sehr glaubwürdige Arbeit zu tun.
Dennoch betrifft es auch uns, dass der „Spendenkuchen" nicht größer wird und es immer neue Hilfsorganisationen gibt und damit auch ein bisschen Kampf. Wir sind bisher noch ganz gut dabei weggekommen. Wir haben keine großen Verluste, aber wir haben auch keinen Zuwachs mehr. Die Kindernothilfe ist in den 70er, 80er und 90er Jahren sehr stark gewachsen, aber im Moment ist es eher gleichbleibend.
G.B.: Was ist Ihre persönliche Aufgabe in der Kindernothilfe?
D. Roller: Ich bin im Vorstand verantwortlich für die Programm- und Projektarbeit weltweit. Das sind im Moment etwa 1100 Projekte in 27 Ländern.
Die Kindernothilfe arbeitet immer mit Partnerorganisationen vor Ort zusammen, das sind Kirchen, Kirchengemeinden, keine Regierungsorganisationen. Die meisten haben einen christlichen Hintergrund, wenn sie nicht direkt Kirche sind. Die Zusammenarbeit hat einen doppelten Vorteil: Zum einen kennen sie die Situation vor Ort sehr viel besser als wir. Sie sind auch noch da, wenn wir längst nicht mehr da sind. Zum anderen baut man ein Stück Zivilgesellschaft vor Ort auf.
G.B.: Gibt es neben der Zentrale in Duisburg nur die jeweiligen Feldgebiete ?
D. Roller: Wir haben drei Referate für Asien, Afrika und Lateinamerika, die speziell in die Region hineinarbeiten. In diesen Referaten gibt es dann wiederum Arbeitsgruppen, die ein Teilgebiet haben. Zum Beispiel: Lateinamerika, Honduras, Guatemala, Ecuador. Das ist eine Arbeitseinheit; diese ist verantwortlich für die Zusammenarbeit mit den Partnern in den jeweiligen Ländern. In einigen dieser Länder gibt es ein ganz kleines Büro der Kindernothilfe. Wir legen sehr viel Wert darauf, dass möglichst viel von dem, was gespendet wird, direkt bei den Kindern ankommt. Das sind etwa 85 Cent pro Euro. Wer bei uns mitarbeitet, muss Christ sein. Das gehört auch dazu.
G.B.: Gibt es Etappen, von denen Sie sagen „das hat sich im Laufe der Jahre verändert, davon sind wir ganz abgekommen, das haben wir neu erkannt ..." Gibt es solche Meilensteine?
D. Roller: Die Kindernothilfe hat sich einerseits mit den gesamten Erkenntnissen in der Entwicklungszusammenarbeit verändert. Dazu kommen natürlich auch eigene Erfahrungen, die wir gemacht haben, die unsere Programm- und Projektarbeit immer mehr verfeinert haben.
Ganz am Anfang gab es in den meisten Ländern in dörflichen Gebieten kaum Schulen. Kinderheime, Schülerwohnheime, das war so ein Anfang der Kindernothilfe. Dort sind die Kinder einerseits gefördert, aber ihren Familien auch ein Stück entfremdet worden. Das hat man erkannt und versucht, die Arbeit dorthin zu verlegen, wo die Kinder sind. Es sind Programme erstellt worden für Schulen im ländlichen Bereich, um in den Slums mit Schulen und mit Bildung vor Ort zu sein.
Daraus ist dann der ganze Bereich der Gemeinwesenentwicklung entstanden. Man hat gemerkt: Wenn man einem Kind helfen will, dann ist es am besten, wenn man der Familie hilft. Denn dann kann das Kind zur Schule gehen und es hat die Liebe und die Nähe zur Familie. Und so ist man auf diesen Community Development -Ansatz gekommen, weil man gesagt hat: Familie ist wiederum eingebunden in die Dorfgemeinschaft und da muss man neu Strukturen legen, neu drüber nachdenken.
Als Kindernothilfe sprechen wir immer von „kinderzentrierter Gemeinwesenentwicklung". Das heißt: Wir sehen das Ganze immer vom Kind her: Was brauchen Kinder, was muss entwickelt werden, damit Kinder am meisten davon profitieren. Da geht es immer um Gesundheit, um Bildung, um Ausbildung generell, um Familienförderung und das eben im Gemeinwesen.
Dazu kommt, dass es auch Kinder in besonders schwierigen Lebenslagen gibt. Armut ist das größte Hemmnis für Kinder, sich gesund und nachhaltig zu entwickeln, aber wenn ein Kind z.B. behindert ist, dann ist es doppelt benachteiligt. Da muss man ganz besonders eingreifen. Sexueller Missbrauch von Kindern geschieht ganz häufig auch aus Armut heraus. Familien geben ihre Kinder in die Stadt in der Hoffnung, dass es ihnen dort besser geht. Die Mädchen landen dann im Haushalt mit oft 4, 5 oder 6 Jahren, arbeiten oft 12, 13 oder 14 Stunden und nachts kommt dann oft noch der Missbrauch dazu.
In Indien ist besonders ausgeprägt, dass Kinder und Jugendliche und junge Frauen in Prostitution gehen. Ich war vor kurzem in einem dieser Gebiete, wo bis zu 6000 Prostituierte arbeiten. Wir haben in einem dieser Viertel ein Projekt mit kath. Nonnen. Das Projekt hat mich sehr beeindruckt, weil diese Nonnen zum Teil sehr jung sind, 22 oder 23 Jahre alt. Sie sehen es als Berufung, mitten in diesem Prostituiertenviertel zu arbeiten, einem Viertel, in dem die HIV-Aids-Rate sehr hoch ist und man eben auch die Auswirkungen von Kinderhandel sehr deutlich sehen kann. Ich war mit den Nonnen unterwegs und sah eine junge Prostituierte, die ein kleines Baby dabei hatte. Die Nonne erklärte mir: „Dieses Kind wurde gestern hierher gebracht. Diese Frau hat es gekauft." Ich sagte: „Wie – gekauft?"
Es ist so, dass die Prostituierten eine Altersversorgung brauchen und das sind dann eben wieder junge Mädchen, die später für sie arbeiten. Die Kindernothilfe arbeitet mit Organisationen, um Aufklärung zu leisten und um diesen Handel zu unterbinden und auf der anderen Seite auch in diesen Bordellvierteln. Das sind ganze Straßenzüge mit Prostituierten. Die Kinder wohnen dann unterm Bett und auf dem Bett wird dann „gearbeitet" sozusagen.
Ich bin immer wieder bewegt, wie unsere Partner in solch einer Situation nicht nur das Vertrauen der Prostituierten haben und da arbeiten können und Menschen wirklich heraus helfen aus diesem System, sondern dann eben auch für die Kinder da sind und für viele Kinder eine neue Perspektive schaffen im Laufe der Jahre.
Also muss man bei Projekten vor Ort Kinder nicht nur aus einer solchen Situation heraus holen. Es ist ganz wichtig, dass wir ihnen dann auch eine Zukunftsperspektive schenken. Solche Ansätze sind bei uns weit verbreitet. Im Laufe der Jahre haben wir immer mehr erkannt hat, dass es nicht so gut ist, etwas für die Leute zu tun, sondern man muss es mit ihnen tun. Und da ist so ein Wechsel ganz wichtig, dass man den Sprung macht vom Objekt zum Subjekt. Dass man arme Menschen nicht als Objekte für unsere Hilfe sieht, sondern als Subjekt in ihrer eigenen Entwicklung.
Das ist ein ganz wichtiger Schritt, dass Kinder in der Lage sind, ihre eigene Zukunft zu gestalten, dass Kinder partizipieren an den Projekten. Das fängt damit an, dass beim Projektbeginn die Kinder auch mitreden. Es geht weiter, dass Kinder in manchen Projekten bis hin im Projektkomitee sitzen und mitreden. Das ist in den letzten Jahren eine neue Erkenntnis, ausgehend von dem auf Rechte basierenden Ansatz, indem man den Kindern sagt, ihr habt das Recht auf Schule. Wenn ich auf etwas ein Recht habe, dann muss ich nicht betteln, sondern dann kann ich das Recht einfordern. Das macht einen Unterschied, vielleicht nicht auf den ersten Blick, aber für das Selbstbewusstsein der Kinder und für die Art, wie man damit umgeht, ist das ein ganz anderer Ansatz.
G.B.: Wenn ich das richtig verstehe, sind Ihre Mitarbeiter keine Missionare, sondern arbeiten vor Ort mit Kirchen und christlichen Organisationen zusammen.
D. Roller: Die Kindernothilfe ist ein christliches Hilfswerk, keine Mission. Wir sehen aber schon einen diakonisch-missionarischen Auftrag. In unserer Ausrichtung sind wir sehr projektorientiert, arbeiten allerdings mit Organisationen vor Ort zusammen, die das missionarische Zeugnis dann eben auch mittragen. Wir haben ganz wenige Mitarbeiter von hier ausgesandt. In der Regel arbeiten wir von Duisburg aus und haben lokale Mitarbeiter.
von einem Baptistenverbund berichtet, wo Sie unter den Frauen besonders wirken. Ich habe gehört, dass sich in Äthiopien auch charismatischer Aufbruch in den traditionellen Kirchen niedergeschlagen hat. Ist es auch dort bei den Baptisten, oder sind sie doch mehr evangelikal im strengen Sinn?
D. Roller: Im Detail kann ich das nicht sagen, aber generell existieren diese sehr starken Trennungen, die wir vornehmen, in vielen Ländern des Südens so gar nicht. Ich kann von Tansania her argumentieren, weil ich das sehr gut kenne und lange Jahre dort gelebt habe. Da ist es durchaus so, dass auch ein charismatischer Aufbruch innerhalb der lutherischen Kirche da ist und er existiert parallel zu allen anderen Formen und kann das auch. Das, was wir in Europa und vor allen Dingen in Deutschland mit unserer jüngeren Kirchengeschichte erlebt haben, mit der Berliner Erklärung und mit allem, was bis heute ein Stück nachwirkt, sehe ich in vielen Ländern des Südens nicht. Da ist man sehr viel offener und auch in der Zusammenarbeit sehr viel weiter. Man sieht einfach das Wirken Gottes.
Die Baptistenkirche in Äthiopien ist sehr offen und eine der schnellst wachsenden Kirchen. Auch da verwischt sich das Bild wieder. Gemeindewachstum in Afrika z.B. ist ja enorm, aber das richtet sich auch nicht nach einer theologischen Richtung aus, sondern da gibt es die ganze Breite, wo Gott am Wirken ist.
G.B.: Auf der Tagung der „Arbeitsgemeinschaft Pfingstlich-Charismatischer Missionen“ (vgl. Charisma 144, S. 15) machten Sie die interessante Aussage: „Es gibt keine Müllhalde, auf der nicht eine Pfingstgemeinde entsteht." Sie sind zwar selbst kein Pfingstler, sondern sind in Baden-Württemberg in der Methodistenkirche groß geworden, und gehören jetzt der Freien Evangelischen Gemeinde in Goch an. Wie ist es zu erklären, dass gerade Pfingstgemeinden auf den Müllhalden anzutreffen sind?
D. Roller: In der Tat ist es ein weltweites Phänomen, dass die charismatischen Gemeinden und die Pfingstkirchen mit am schnellsten wachsen. Es ist nicht nur in Lateinamerika so, auch in Afrika und Asien. Ich denke, ein Grund ist , dass Pfingstgemeinden immer sehr nahe bei den Menschen sind und sich nicht scheuen, dort Gemeinde zu bauen, wo man es eigentlich nicht erwartet - nämlich auf einer Müllhalde, in einem Slum ... dort, wo andere noch sehr viel mehr Berührungsängste haben. Auch von Ihrer Theologie und vom Wirken her sind sie ganz nah bei den Menschen, z.B. mit der Erfahrung von Wundern, von Zeichen, die ja eigentlich schon zu ihrem traditionellen alltäglichen Weltbild gehören.
Ich sage immer: Wir hier im Westen haben diese Mittel ausgelassen. Ich denke, dass die Kraft des Heiligen Geistes wirklich Veränderungen schenkt, die sichtbar werden. Das ist die Hauptanziehungskraft: dass Menschen verändert werden.
G.B.: Würde da jetzt eine Gruppe auf der Müllhalde stehen und die Hände hochheben, Gott loben und preisen und in Zungen singen?
D. Roller: Die Leute, die vor Ort sind, leben auf oder an der Müllhalde. D.h. die Gemeinde ist sehr stark kontextualisiert, sie hat die Erfahrungen. Die Gemeindeleiter kommen auch nicht von außen. Der Pastor ist ein einfacher Mann, der selber Müll sammelt, der die Nöte der Menschen kennt, der da ist. Abends kommt man zusammen zur Anbetung Gottes, zum Singen, zum Lobpreis und macht die Erfahrung, dass Gott da ist, dass er nahe ist, dass er hilft, dass man mit ihm rechnen kann. Diese Nähe und Ursprünglichkeit ist das, was die Pfingstgemeinden so attraktiv macht.
G.B.: In Deutschland gibt es viele Ehepaare, die sich ein Kind wünschen und trotzdem ist es so schwer, ein Kind zu adoptieren. Warum wird das eigentlich nicht erleichtert, warum können Organisationen wie Ihre nicht auch mithelfen?
D. Roller: Wir sehen das eher kritisch, weil diese Kinder nicht die Zielgruppe sind, sondern weil es in den Ländern sehr häufig einen regelrechten Adoptionshandel gibt. Kinder kommen quasi in ein Handelssystem hinein. Es wird Geld für sie bezahlt für die Adoption. Kinder, die oft gehandelt werden, sind eben Kinder, die wiederum zu dem Zweck irgendwo gekauft wurden, womit man sozusagen den Kinderhandel eher noch fördert, anstatt ihn zu stoppen.
Anders sieht es im Land selber aus, da gibt es schon Strukturen, wo Adoption Sinn macht.
Ich möchte nicht sagen, dass es überhaupt keinen Sinn macht, ein Kind von hier aus zu adoptieren, aber da muss man schon sehr genau hinschauen und dafür sind wir keine Spezialisten. Da würde ich immer empfehlen, sich an das Diakonische Werk in Düsseldorf/Kaiserswerth zu wenden, die haben spezielle Beziehungen zu Indien und zu anderen Ländern. Und da kann man eine Adoption legal machen. Bei dieser Art Adoption hat man dann auch die Gewissheit, dass man wirklich ein bedürftiges Kind adoptiert und nicht noch den Kinderhandel „anheizt", indem man dafür einen Markt schafft.
G.B.: Vielen Dank für das Gespräch. Wir schätzen Ihre wertvolle Arbeit und wünschen Ihnen weiterhin Gottes Segen.
Gerhard Bially ist der Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift Charisma.