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Bonus zu Seite 17 - Erfahrungsbericht von Ruth Kaib

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BONUS zu Charisma 159, S. 17
Jeremia 29,7: Suchet der Stadt Bestes

Von Ruth Kaib - wie sie es ihrem Cousin, Gerhard Bially, erzählte


Anfang Oktober 2011 war ich (Gerhard Bially) in Maintal, der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, zu einem Klassentreffen und als Gastprediger in einer Gemeinde. Dabei besuchte ich auch einige liebe Verwandte.
Am Sonntagnachmittag spazierten meine Cousine Ruth Kaib, ihr Mann Friedrich und ich bei schönem Herbstwetter am Main entlang und gelangten in der Mainaue - einem Landschaftsschutzgebiet - zum Maintaler Frauenhain.
Meine Cousine begann zu erzählen:

Du weißt ja, dass meine Familie aus Ostpreußen stammt. Ich kam 1947 im Sommer mit meiner Mutter als Heimatvertriebene hier her. Mein Vater kam zu Silvester aus russischer Kriegsgefangenschaft dazu. Als Heimatvertriebene fanden meine Eltern schnell eine neue geistliche Heimat in der Christus-Kapelle der Methodistengemeinde. Ich selbst fühlte mich wohl in der Sonntagsschule mit "Onkel Kleinschmidt" - damals eine landesweit bekannte und geliebte Person, die unter anderem von amerikanischen Gemeinden mit Carepaketen versorgt wurde, deren Inhalt sie an uns verteilte.

Meine Eltern engagierten sich in verschiedenen Bereichen der Gemeinde, besonders in der Musik (Harmonium spielen, Chorgesang, Posaunenchor, Gitarrenkreis usw.).
Einige Jahre später konnte mein Vater das Gartengrundstück, dass an das Kapellengrundstück grenzte, kaufen und ein Haus darauf bauen. Er stellte es unter das Motto "Mein Haus soll ein Bethaus sein.". Dort wuchs ich auf und später wuchsen auch meine Kinder in der direkten Nachbarschaft zur Christus-Kapelle.
Ich engagierte mich in der Kinder-, Jungschar- und Jugendarbeit. Später baute ich die Altenarbeit auf. Es war ein wesentlicher Teil meines Lebens.

Das ging so bis in die 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Ich war inzwischen über 50 Jahre alt und hatte nach der Berufstätigkeit als mtA und Psychologin, sowie als Hausfrau und Mutter zweier nun erwachsener Kinder wieder etwas Zeit für mich. Ich begann ein Aufbaustudium der Gerontologie in Heidelberg und engagierte mich in der ältergewordenen Gemeinde noch mehr für die Altenarbeit. Unter anderem erarbeitete ich ein Konzept für ein `Seniorenbüro` ein Modellversuch des BMFUS - unter dem Titel `Sonntagsschule für Senioren` in der Christusgemeinde. Es sollte die guten Erinnerungen der alten Leute wach rufen und sie wieder aktivieren. Alles lief gut an. Dann kam die Schreckensnachricht: Die evangelisch methodistische Kirche hatte beschlossen das schuldenfreie Anwesen samt Christuskapelle zu verkaufen und zwar an eine muslimische Gruppe, die sehr viel Geld geboten hatte. Wir fühlten uns erneut enteignet und Heimatvertrieben.

Wir solidarisierten uns mit den Eigentümern der umliegenden Grundstücke (Es sind fast alles 1 - 2 zwei Familienhäuser, zum Großteil aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts.) und gründeten eine Bürgerinitiative. Wir schrieben Petitionen an den Bischof, an den Bürgermeister und sprachen dort vor. Zum Schluss konnten wir das Schlimmste nur dadurch abwenden, dass wir einen Nachbar, der bereit war das Anwesen zu einem vernünftigen Preis zu kaufen durch eine Sammelaktion unterstützten, damit er gegen den Preis der Muslime bieten konnte und das "Kapellchen" kaufen konnte.

In dieser Zeit der Trauer zog ich zu Silvester im Gottesdienst eine Jahreslosung. Es war Jeremia 29,7: "Suchet der Stadt Bestes.". Ich nahm das Wort für mich (fragend!) an. Was sollte das heißen?

Ich war bereits aufgrund der Altenarbeit in der Gemeinde in den Seniorenbeirat der Stadt Maintal berufen worden. Jetzt intensivierte ich dort meine Mitarbeit. Ich versuchte unter anderem das Konzept für ein Seniorenbüro anderen ehrenamtlichen Seniorenbeiratsmitgliedern und auch der hauptamtlichen Seniorenbeauftragten näher zu bringen. Die Resonanz war positiv. Und da wir gerade als Beirat unsere Seniorenzeitung "60 aufwärts" herauszugeben begonnen hatten wurde ich aktives Mitglied der Redaktion und schrieb einige Beiträge zum Thema Seniorenbüro, um das Thema ins Gespräch zu bringen. Bis aber die Stadtverordnetenversammlung Geld für das Projekt Seniorenbüro im Haushalt bewilligte vergingen noch gut fünf Jahre. Zur Eröffnung in der Neckarstraße 9 im Jahre 2001 kam sogar eine Grußadresse vom Land.

In diesem Jahr haben wir das 10-jährige Bestehen unseres Seniorenbüros, genannt "Seniorenoffice" gefeiert. Die Aktivitäten reichen vom Angebot von Tagesausflugfahrten, Fahrradtouren über Fremdsprachencafes, Handy- und Computerkurse, Wohnberatung bis hin zur Ausbildung von Begleitern für Demenz erkrankten Menschen zur Entlastung der pflegenden Angehörigen.

Hilfen beim Lesen lernen in der Grundschule, besonders für Kinder mit Migrationshintergrund werden auch angeboten. Im Seniorenbeirat konnten wir auch aktiv und erfolgreich bei einem anderen Problem tätig werden: Maintal (fast 40.00 Einwohner) hatte kein Altenpflegeheim. Pflegebedürftige wurden auf Häuser im ganzen Kreis verteilt und starben oft dort nach wenigen Monaten in der Vereinsamung. Wir aktivierten wen wir erreichen konnten: Kirchen, politische Gruppen, Gewerkschaften usw. . Inzwischen haben wir nach dem Kleeblattmodell (in einem Haus ist die gesamte hauswirtschaftliche Versorgung plus Pflegeversorgung, in den anderen Häusern nur die Wohn- und Pflegestation untergebracht) sind zwei Altenpflegeheime (eines davon mit einer Station im Erdgeschoss für demente Kranke; diese öffnet sich zum eingezäunten Garten und ermöglicht so sichere Bewegungsfreiheit). Ergänzend dazu gibt es bei beiden Häusern Wohnungen mit Betreuung.

Für ältere Menschen, die eine Haushaltshilfe benötigen, sie aber kaum bezahlen könnten haben wir im Rahmen der lokalen Agenda 21 ein Pilotkonzept für bezahlbare Haushaltshilfen in Zusammenarbeit den Jobvermittlern umsetzen können.

Neben der Arbeit im Seniorenbeirat habe ich mich in der Frauenarbeit engagiert. In den Frauenbeirat bin ich vom Seniorenbeirat abgeordnet worden. Das läuft jetzt seit über 15 Jahren und ich fungiere darin als Sprecherin. Im Frauenbeirat treffen sich die unterschiedlichsten Gruppen von Frauen, die in der Stadt aktiv sind. Neben dem Seniorenbeirat sind vertreten zum Beispiel alle Kirchen, die Elternbeiräte der Kitas und der Tagespflegemütter, Gewerkschaften und verschiedene Selbsthilfegruppen. Wichtig ist uns die Vernetzung aller Frauen. Wir wollen gemeinsam etwas erreichen. Wir machen Frauenpolitik für den Alltag, keine Parteipolitik. Wir setzen uns für den Ausbau von Kindergartenplätzen und Kinderhorten ein. Wir haben ein Frauen Nachttaxi. Jedes Mädchen und jede Frau kann sicher in der Dunkelheit zu einem Sondertarif viermal im Monat von Tür zu Tür mit einem Taxi fahren.

Als der Kreis die Unterstützung von Frauenhäusern in denen bedrohte Frauen mit ihren Kindern Zuflucht finden, strich haben wir uns mit anderen Städten zusammengeschlossen und machen jährlich einen großen Benefizlauf in Hanau. Der Erlös geht an die zwei Frauenhäuser im Kreis. Die Erinnerung an die Gewalt die in unserer Welt Frauen und Kindern angetan wird halten wir am 25. November, dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen wach. In diesem Jahr geht es um häusliche Gewalt im nicht bildungsfernen Schichten. Das sind nur kleine Beispiele für unsere Arbeit.

Eine große Anstrengung dagegen haben wir vor über 10 Jahren geschultert: Da wir festgestellt hatten, dass in der Stadt Maintal von den Personen, die wegen ehrenamtlicher Tätigkeiten geehrt wurden unter 30 Leuten nur 2 Frauen waren, überlegten wir, was Frau dagegen unternehmen könnte. Das Ergebnis nennt sich Maintaler Frauenhain: Wir, der Frauenbeirat und das Frauenbüro, pflanzen, wie der Stein in der Mainaue auf seiner Plakette aussagt, jedes Jahr zum internationalen Frauentag am 8. März junge Linden zu Ehren von Frauen, die sich ehrenamtlich für das Wohl der Gesellschaft engagieren "ohne in der ersten Reihe zu stehen".
Der Frauenhain ist in Form einer Spirale projektiert. Die erste Runde ist fast geschafft. Wir haben über 33 Bäume gepflanzt und mit Namensschildern von Frauen versehen. Dazu gibt es jeweils eine Dokumentation.

Um die Pflanzung im Frauenhain, respektive den internationalen Frauentag am 8.März ist die "Maintaler Frauenwoche" entstanden. Wir beginnen mit dem Weltgebetstag der Frauen am ersten Freitag im März in den Kirchen der vier Ortsteile. In der Woche folgen dann aktuelle Themen, wie "Renten im Alter - Frauen leben länger, aber wovon".

Equal pay day : Wie viele Tage muss eine Frau im Jahr quasi kostenlos berufstätig sein, um danach das gleiche Jahresgehalt wie ihr männlicher Kollege für die gleiche Tätigkeit zu erzielen? (Der Equal pay day liegt im letzten Drittel des Monats März für Deutschland)

Selbstverteidigung für Mädchen und für Frauen über 60 Jahre.
Kulturelle Angebote, Informationsveranstaltungen der einzelnen Frauengruppen, Diskussionen mit Politikerinnen über Tagesthemen, die besonders Frauen betreffen.
Die Ideen und Themen gehen uns nicht aus.

Langsam schließt sich aber für mich der Kreis. Ich bin 74 Jahre alt und möchte in Zukunft mehr Kraft und Zeit meiner Familie, besonders meinen fünf Enkeln, widmen.
Ich sehe jetzt, was Gott für mich bereithielt, als mir die Heimat in der Christuskapelle verloren ging. Ich habe einige sinnvolle Arbeiten für die Gesellschaft, in der ich lebe, anstoßen und zusammen mit anderen durchführen können.

Als Sinnbild für den Lebensweg wünsche ich mir noch die Installation eines begehbaren Labyrinths an der vorderen Ecke des Frauenhaingrundstückes in der Mainaue.

Und das Problem der Nachbarschaft zur Christuskapelle? Ja, das ist auch - wunderbar - gelöst worden: Wir, mein Mann und ich besuchten einen Gottesdienst in Hanau. Der Pastor fragte im Gespräch, ob wir ein Domizil für eine evangelisch lutherische Brüdergemeinde von Russlanddeutschen kennen würden. Sie suchten dringend eines.

Wir brachten die Interessenten schnell zum neuen Besitzer der Christuskapelle, unserm Nachbar auf der anderen Seite des Kapellengrundstückes. Sie konnten schnell den Mietvertrag abschließen.

Jetzt nennen uns die Christen der evangelisch lutherischen Brüdergemeinde ihre lieben Nachbarn. Sie haben wöchentlich mindestens vier Gottesdienste (zwei sonntags und zwei in der Woche) außerdem Bibelstunden für Erwachsene und für Kinder und Jugendstunden. Und jede Veranstaltung hat circa 100 Besucher manche sogar 200. Und das seit 15 Jahren. So gut war der Besuch während der evangelisch methodistischen Gemeindezeit höchsten, wenn der Bischof alle paar Jahre kam oder wenn Konzerte veranstaltet wurden.

Das besondere Merkmal dieser Gemeinde: Sie singen lange vor dem Gottesdienst alte Lieder, die sich jemand von den Anwesenden wünscht. Eine Frau stimmt dann an, alle fallen ein ohne Instrumentalbegleitung. Ich höre es von meinem Wohnzimmerfenster aus. Sie singen in einem Rhythmus, der an sicheres Ausschreiten hin zu einem Ziel erinnert. Aber im Klang der Lieder kann man auch das erlebte und verarbeitete Leid heraushören.

Gottes Wege sind wunderbar, wie auch das Labyrinth zeigt: Der Weg ist verschlungen und unübersichtlich, aber er führt zum Ziel zur Mitte. Und es gibt nur diesen einen, den richtigen Weg.

So endet die Erzählung meiner Cousine.
Suchet der Stadt Bestes … nicht nur in Maintal, sondern überall.


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