Charisma 145 > Aus dem Magazin
Anstöße zu einem christlichen Verständnis von Heilung
Der Ökumenische Rat der Kirchen hat bereits in den 60er Jahren festgestellt, die christliche Gemeinde habe eine heilende Dimension und Aufgabe, die von der modernen Medizin nicht abgedeckt und überflüssig gemacht werde; er setzte 1967 die Christian Medical Commission ein. Deren Konzept der „Heilenden Gemeinde“ wurde damals in afrikanischen und asiatischen Kirchen, aber kaum in Europa aufgegriffen.
In den letzten Jahren gingen jedoch auch in Europa Anstöße in diese Richtung vor allem von der charismatischen Bewegung sowie den Pfingstkirchen aus. Sie messen dem Heilungsgebet für Kranke große Bedeutung zu.
Den Heilungsaftrag Jesu ernst nehmen
Eine weitere Anregung kam von der Anglikanischen Kirche: Auf dem Hintergrund der eigenen 100-jährigen Heilungsbewegung veröffentlichte die Church of England den Bericht „A Time to Heal. A Contribution Towards the Ministry of Healing“ (London 2000), der auf 400 Seiten das Konzept der Heilenden Gemeinde theologisch begründet und Möglichkeiten ihres Dienstes darstellt. Hier wird Heilen als Auftrag des Evangeliums und als eine der bedeutendsten Möglichkeiten bewertet, die Frohbotschaft mitzuteilen, weil sich heute viele nach „Ganzheit“ (wholeness) sehnen.
Die Studie spricht vom Heilungsdienst in charismatischen Gebetsgruppen, von Gebets- und Besuchsgruppen für körperlich und psychisch Kranke, von Salbungs- und Segnungsgottesdiensten, gibt Leitlinien für die Seelsorge an Menschen, die sich unter dem Einfluss böser Mächte glauben, empfiehlt die Begleitung Sterbender und Trauernder, die Zusammenarbeit von Seelsorgern und Ärzten in Gemeinden und Krankenhäusern und wünscht, dass die Bedeutung des Heilungsdienstes in Verkündigung und Unterricht sowie in der Ausbildung von Mitarbeitern der Pastoral und des Gesundheitswesens bekannt wird. Heute gibt es in jeder anglikanischen Diözese einen bischöflichen Beauftragten für Heilungs- und Befreiungsdienste. In manchen Gemeinden findet monatlich ein Heilungsgottesdienst statt, in dem Laien unter Gebet den Kranken die Hände auflegen und ein Priester die Krankensalbung spendet.
Die Anregungen von „A Time to Heal“- wurden auch bei uns aufgegriffen: in Kursen des Nordelbischen Missionszentrums; im Austausch über „Die Gemeinde und ihr Heilungsauftrag“ an der Diakonischen Akademie Deutschland (mit Vertretern von Medizin, Pflege, Diakonie und Theologie), um dieses Thema auf dem Kirchentag 2005 in Hannover weiter zu verfolgen; durch die Veröffentlichung des Evangelischen Missionswerks „Von der heilenden Kraft des Glaubens“ (mit Beispielen aus der weltweiten Kirche) und schließlich die Erklärung „Zur heilenden Mission der Kirche“ des Ökumenischen Rats (2005).
Dem Konzept der „Heilenden Gemeinde“ sowie dem Impuls von Dale Matthews (siehe Kasten S. 12) fühlen sich auch die seit 1989 als gemeinnütziger Verein eingetragenen Christen im Gesundheitswesen (CiG) verpflichtet, die den Christlichen Gesundheitskongress in Kassel maßgeblich mitbestimmt haben. Aus einer Gebetsgruppe entstanden, bilden sie eine konfessionsübergreifende Initiative von Ärzten, Pflegekräften und anderen Mitarbeitern im Gesundheitswesen. Die Mitglieder der --
Grup-pen kommen mehrmals im Jahr zusammen, um sich über Themen aus Pflege und Therapie zu informieren und miteinander zu beten (www.cig-online.de). Seit 1995 führt ihre Akademie Christen im Gesundheitswesen bundesweit Seminare durch, bestehend aus Vorträgen, Austausch und Gebet zu Themen wie: „Als Christ chronisch Schmerzkranke begleiten“, „Betreuung von Demenzkranken“, „Burnout“, „Segnungs- und Salbungsgottesdienste im Krankenhaus“ und „Spirituelle Erneuerung christlich geprägter Einrichtungen“.
Wunderbare Heilungen
Sollte das Thema Gesundheit und Krankheit (psychische Störungen eingeschlossen) nicht auch in der Verkündigung und Erwachsenenbildung intensiver behandelt werden? Und hat in der katholischen Kirche der seit 1993 jedes Jahr in Rom und einer Zentralveranstaltung in wechselnden Ländern begangene Welttag der Kranken (11. Februar) schon die angemessene Aufmerksamkeit gefunden?
Wundebare Heilungen, die über die uns bekannten naturgesetzlichen Zusammenhänge hinausgehen, müssen von Betern und Seelsorgern nicht ausgeschlossen werden, dürfen aber nicht als sichere Verheißung in Aussicht gestellt werden, will man nicht Enttäuschungen und Glaubwürdigkeitsprobleme heraufbeschwören. Die Auskunft, es könne in Gottes Ratschluss liegen, dass er nicht heilt, kann allerdings nicht überzeugen.
In der Verkündigung hat man sich in den letzten Jahrzehnten weitgehend von der Vorstellung verabschiedet, Krankheit werde von Gott als Strafe für Sünden verhängt oder als Erziehungsmittel eingesetzt, um sich zu bewähren. Stattdessen will man den Glauben als Kraft zur Krankheitsbewältigung erschließen. Dafür gibt es gute Gründe: In der Sicht des Schöpfungsglaubens sind Gesundheit und Vitalität wertvolle Gaben Gottes, die es uns erleichtern, bis in unser körperliches Befinden hinein das Leben als Geschenk zu bejahen, und die uns helfen, in der Freude und Würde zu leben, die Gott uns als Ebenbild und Partner zugedacht hat. Ihre Minderung ist nichts Positives, sondern Folge der Begrenztheit der Schöpfung – ein Leid, das Jesus in seiner Heilungstätigkeit bekämpft hat und das auch wir im Geist der Nächstenliebe beseitigen sollen.
Bernhard Grom