Charisma 149 > Aus dem Magazin
Susi Childers
A Voice for the Voiceless
Es war ein schwüler Tag in Herzen Mumbais. Schweiß lief mir von der Stirn. Die hohe Luftfeuchtigkeit ließ die Kleider an meinem Körper kleben. Der Geruch von verfaultem Müll lag schwer in der Luft. Es wimmelte von Kakerlaken und Ratten, die sich durch die unzähligen Müllberge arbeiteten. Ich kämpfte mit diesen extremen Eindrücken und fragte mich, wie es sein konnte, dass ich ohne Planung immer wieder an solchen Orten landete.
Wir standen in Kamathipura, dem ältesten Rotlichtviertel Mumbais, dem größten Asiens. Glücklicherweise befanden wir uns bereits auf dem Rückweg. Ich freute mich auf eine kalte Dusche. Ein Haus fiel mir ins Auge. Es war anders als die anderen, denn es hatte Gitter vor den Fenstern und Wachen vor der Tür. Warum war es anders? Als der indische Sozialarbeiter, der mit uns unterwegs war, mir die Antwort gab, lief es mir eiskalt über den Rücken: „In diesem Haus werden die Kinder gehalten. Sie sind an Betten gekettet. Die Wachen und Gitter verhindern, dass sie fliehen. Sie sind für ihren Besitzer von hohem Wert. Man kann diesen Kindern nur begegnen, wenn man sie kauft. Dann werden sie in ein Hotelzimmer geliefert. Für die bezahlte Zeit kann jeder mit ihnen machen, was er will.“
Dieses schockierende Erlebnis war mein erster Kontakt mit dem Thema Kinderprostitution. Ein paar Jahre sind vergangen und ich habe seither viele abscheuliche und menschenunwürdige Dinge über diese Problematik gelernt.
Die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Minderjährigen ist ein lukratives Geschäft. Nach Schätzungen sind weltweit zehn Millionen Kinder Opfer der Sexindustrie in ihren verschiedensten Facetten. Jährlich werden mindestens eine Million weitere Kinder sexuell ausgebeutet. Die Nachfrage nach jüngeren Kindern steigt ständig. Und das nicht nur in Indien.
In Deutschland gibt es mehrere Tausend Kinder, die sexuell ausgebeutet werden. Jede deutsche Großstadt hat einen „Babystrich“. Sextourismus floriert durch deutsche Touristen nicht nur in Thailand und Sri Lanka, sondern auch in unseren Nachbarländern wie Tschechien und Polen. Darüber hinaus hat der Handel mit Menschen unglaubliche Formen angenommen: Jede Minute wird mehr als eine Person über internationale Grenzen hinweg verkauft. 500.000 werden jährlich von Mittel- und Osteuropa wie Waren nach Westeuropa verschoben. Viele davon sind Frauen und Kinder. Der Wert eines Lebens schwindet lautlos.
Konfrontiert mit dieser Ungerechtigkeit war ich herausgefordert, mich diesen Problemen zu stellen. Wie konnte ich als jemand, der Jesus kennt und liebt, passiv bleiben? Doch was konnte eine Fotografin schon tun? Dieses Unrecht passiert im Dunkeln, im Verborgenen – und es ist gefährlich. Die Opfer sind eingeschüchtert, hoffnungslos und Fremde.
Da begannen mein Mann – der Theologie studierte – und ich, uns gezielt zu informieren und zu beten. Wir baten Gott um eine Strategie, diese überwältigenden Themen anzugehen. Es schien unmöglich – doch nicht für Gott. Er gab uns eine Idee für einen ersten Schritt, der nicht zu schwer war, um ihn umzusetzen.
Ein kleines Buch mit 30 Themen für 30 Tage mit Schicksalen von Menschen, Statistiken, Impulsen zum Beten, Aktionspunkten. Aufgrund unserer vielfältigen Reisen hatten wir viele Informationen aus erster Hand. Wir druckten im Gehorsam 100.000 Bücher in englischer Sprache, um Themen wie Menschenhandel, Kinderprostitution, Sextourismus, AIDS, Abtreibung, Inzest, weibliche genitale Beschneidung und so weiter bekannt zu machen.
Seither reisen wir wieder um die Welt, doch diesmal mit einer herausfordernden Botschaft. Wir wollen eine Stimme für unterdrückte, vernachlässigte und vergessene Menschen sein – „a Voice for the Voiceless“. Menschen, deren Hilfeschreie unsere laute Welt nicht wahrnimmt. Menschen, die durch Immigration unsere Nachbarn geworden sind. Freundinnen, die im Verborgenen leiden, weil sie zu Hause regelmäßig misshandelt werden. Kinder, die man in deutschen Bordellen ausbeutet, die im Internet pornografisch dargestellt werden oder nie eine Chance zum Leben bekommen, weil sie bereits im Mutterleib getötet wurden.
Immer mehr wird uns bewusst, dass wir, wenn wir Jesus nachfolgen, eine Verantwortung für diese Menschen haben, denn dieses Unrecht schreit zum Himmel. Und Gott? Er hört die Schreie um Hilfe und fordert uns heraus. „Du aber tritt für die Leute ein, die sich selbst nicht verteidigen können! Schütze das Recht der Hilflosen! Sprich für sie, und regiere gerecht! Hilf den Armen und Unterdrückten!“ (Spr 31,8)
Millionen von Menschen warten darauf, dass ihnen jemand hilft, sie schützt und sie verteidigt. Viele von ihnen hatten noch nie eine Chance, von Gott zu erfahren. In unserer Hand liegt ein Teil der Antwort auf dieses Unrecht. Gott will uns senden und gebrauchen. Die Frage ist: Sind wir bereit, Schritte aus der Passivität und Ignoranz zu wagen? Es braucht Zivilcourage und Mut, diese Tabu-Themen anzupacken.
Und unser kleines Buch? Es wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Eine internationale Gebetsbewegung begann, die nicht mehr gestoppt werden kann. Ich kann nur staunen. Ein kleiner Schritt im Glauben machte den Anfang. Wollen auch Sie einen ersten Schritt wagen?