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Bonus zur Seite 8 - Br. Fr. Joest: Prophetie

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Die prophetische Dimension - Die Prophetie als Gabe des Geistes
Br. Franziskus Joest

1. Einleitung: Abgrenzung des Begriffs

Der Begriff “prophetische Dimension” kann vieles heißen. Es gibt in der Bibel a) prophetische Worte, es gibt b) prophetische Zeichenhandlungen, es gibt c) so etwas wie eine prophetische Existenz.

a) Die Bücher der Propheten sind voll von Reden, die im Namen Gottes ergehen, also von prophetischen Worten.

b) Wenn Jeremia ein Joch tragen muss (Jer 27) oder einen tönernen Krug zer­schmettern soll (Jer 19, 1–13), dann sind das prophetische Zeichenhandlungen, die allerdings erst durch das begleitende Wort ausgelegt und damit in ihrer Aussage deutlich werden.

c) Wenn aber Hosea eine Hure heiraten soll (Hos 1,1 – 2,13), weil Gott darin Israels Verhältnis zu sich selbst abbilden will, dann ist das mehr als eine Zeichenhandlung, weil es einen ganzen Lebensabschnitt des Propheten prägt. Hosea führt eine prophetische Existenz.

Israel selbst ist in seiner gesamten Existenz als Volk Gottes ein prophetisches Zeichen: Wenn Gott zu ihm am Sinai sagt: “Ihr sollt heilig sein, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig” (3 Mos 19,2), dann ist das die Berufung zur prophetischen Existenz, denn durch Israels Leben wird die heilige Gegenwart Gottes in der Welt Wirklichkeit. Dasselbe gilt im Neuen Testament für die Gemeinde Jesu Christi.

Ich möchte in meinem Beitrag nur einen einzigen Aspekt herausgreifen, nämlich Prophetie als Gabe des Geistes, als Charisma im Leib Christi. Wenn auch die ganze Gemeinde in sich selbst ein prophetisches Zeichen in der Welt ist, weil in ihr Christus gegenwärtig ist, so gilt doch von Römer 12 und von 1 Kor 12 und 14 her, dass in dieser einen Gemeinde verschiedene Glieder unterschiedlich von Gott begabt sind, auch unterschiedliche übernatürliche Gaben haben. Und eine davon nennt Paulus die “prophetische Rede”. Um die geht es jetzt.



2. Die Gabe der Prophetie in der Gemeinde

Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß. Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er. Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er's gern. Römer 12,4–8

Kein Zweifel: Paulus rechnet mit der Gabe der prophetischen Rede. Es ist also eine Wort-Gabe, ähnlich wie Lehre oder Ermahnung Wortgaben sind, im Unterschied etwa zur Gabe der Leitung oder dem Üben von Barmherzigkeit. Deutlich ist, dass Paulus mit unterschiedlichen Begabungen rechnet: Jeder hat etwas, keiner hat alles. Prophetische Rede also ist eine Wortgabe, und ihr ist ein Maß­stab an die Seite gestellt: Sie soll dem Glauben gemäß ausgeübt werden – was immer das heißt! Die revidierte Elberfelder hat: “in der Entsprechung zum Glauben” und bemerkt dazu: wörtlich “nach der Analogie des Glaubens”. EÜ: “dann rede er in Übereinstimmung mit dem Glauben”; GN: “was sie sagen, muss dem gemeinsamen Bekenntnis entsprechen.” Es gibt einen Maßstab. Prophetische Rede kann nicht einfach grad alles sein, was einer von sich gibt. Es muss dem gemeinsamen Glauben entsprechen, und das kann von anderen geprüft werden, heute anhand der Bibel, des NT, das es damals noch nicht gab. Echte prophetische Rede kann nichts beinhalten, was dem Wort Gottes direkt entgegen steht.

Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr. Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen. In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller; dem einen wird durch den Geist gegeben, von der Weisheit zu reden; dem andern wird gegeben, von der Erkenntnis zu reden, nach demselben Geist; einem andern Glaube, in demselben Geist; einem andern die Gabe, gesund zu machen, in dem einen Geist; einem andern die Kraft, Wunder zu tun; einem andern prophetische Rede; einem andern die Gabe, die Geister zu unterscheiden; einem andern mancherlei Zungenrede; einem andern die Gabe, sie auszulegen. Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist und teilt einem jeden das Seine zu, wie er will. 1 Korinther 12,4–11

Auch hier ist eindeutig von einer Wortgabe die Rede. Interessant, dass Weisheit und Erkenntnis in der Nähe stehen, das sind weitere, der Prophetie verwandte Wortgaben. Wichtig aber ist die Bemerkung, wozu diese Gaben alle gegeben sind, nämlich “zum Nutzen aller”. Geistesgaben, Charismen, sind nicht die himmlischen Orden und Auszeichnungen, die man sich an die geschwellte Brust heftet und vor sich her trägt, sondern es sind konkrete Befähigungen zum Dienen am Ganzen der Gemeinde. Maßstab ihrer Ausübung ist hier die vollkommene Liebe, wie das Paulus im folgenden Kapitel 1 Kor 13 entfaltet. Schauen wir aber noch auf eine andere Stelle aus 1 Kor 12, auf das Ende des Kapitels:

Und Gott hat in der Gemeinde eingesetzt erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer, dann Wundertäter, dann Gaben, gesund zu machen, zu helfen, zu leiten und mancherlei Zungenrede. Sind alle Apostel? Sind alle Propheten? Sind alle Lehrer? Sind alle Wundertäter? Haben alle die Gabe, gesund zu machen? Reden alle in Zungen? Können alle auslegen? Strebt aber nach den größeren Gaben! 1 Korinther 12,28–31

Hier wird es interessant, denn jetzt plötzlich erscheinen einige der Gaben, die vorher sachlich bezeichnet wurden, personal. Nicht mehr von prophetischer Gabe ist die Rede, sondern von Propheten, im engen Zusammenhang mir Aposteln und Lehrern. Die Gabe wird zur Aufgabe, der Begabte wird zum Beauftragten in der Gemeinde. Er hat eine feste Rolle, einen fest zugewiesenen Dienst am Leib. Dasselbe begegent uns in einer Stelle aus dem Epheserbrief, der letzten, die wir hier betrachten wollen:

Einem jeden aber von uns ist die Gnade gegeben nach dem Maß der Gabe Christi. ... Und er hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Chris­ti erbaut werden, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi ... Epheser 4, 1.11–13

Zusammenfassung: Prophetische Rede ist eine Begabung, die der Heilige Geist einigen schenkt, anderen schenkt er anderes. Es ist eine Befähigung zum Dienst an der Gemeinde. Es ist eine Wortgabe, die offensichtlich, wenn sie bei einem Menschen besonders deutlich und gehäuft auftritt, zu einem festen Auftrag werden kann, so dass dieser Mensch “Prophet” genannt wird.


3. Die Gaben in Aktion

Dass es in der Urgemeinde diese Propheten gab, zeigen einige Berichte aus der Apg.:

In diesen Tagen kamen Propheten von Jerusalem nach Antiochia. Und einer von ihnen mit Namen Agabus trat auf und sagte durch den Geist eine große Hungersnot voraus, die über den ganzen Erdkreis kommen sollte; dies geschah unter dem Kaiser Klaudius. Aber unter den Jüngern beschloss ein jeder, nach seinem Vermögen den Brüdern, die in Judäa wohnten, eine Gabe zu senden. Das taten sie auch und schickten sie zu den Ältesten durch Barnabas und Saulus. Apostelgeschichte 11,27–­30

Hier wird ein Prophet mit Namen genannt. Er hat eine von Gott geschenkte Voraussicht, er sieht etwas kommen, was den anderen verborgen ist. Er sagt es an, und die Gemeinde reagiert darauf, indem sie eine Sammlung für die Brüder in Not veranstaltet.

Es waren aber in Antiochia in der Gemeinde Propheten und Lehrer, nämlich Barnabas und Simeon, genannt Niger, und Luzius von Kyrene und Manaën, der mit dem Landesfürsten Herodes erzogen worden war, und Saulus. Als sie aber dem Herrn dienten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Sondert mir aus Barnabas und Saulus zu dem Werk, zu dem ich sie berufen habe. Da fasteten sie und beteten und legten die Hände auf sie und ließen sie ziehen. Apostelgeschichte 13,1–3

Auch hier werden Propheten mit Namen genannt, wobei wir leider nicht wissen, wer von den Genannten nun Lehrer und wer ein Prophet war. Wir müssen aber aus dem Zusammenhang schließen, dass die Rede des Heiligen Geistes, Saulus und Barnabas auszusondern, durch einen dieser Propheten ergangen ist, nicht durch eine himmlische Stimme direkt von oben.

Und als wir mehrere Tage dablieben (in Cäsarea), kam ein Prophet mit Namen Agabus aus Judäa herab. Und als er zu uns kam, nahm er den Gürtel des Paulus und band sich die Füße und Hände und sprach: Das sagt der Heilige Geist: Den Mann, dem dieser Gürtel gehört, werden die Juden in Jerusalem so binden und überantworten in die Hände der Heiden. Als wir aber das hörten, baten wir und die aus dem Ort, dass er nicht hinauf nach Jerusalem zöge. Paulus aber antwortete: Was macht ihr, dass ihr weint und brecht mir mein Herz? Denn ich bin bereit, nicht allein mich binden zu lassen, sondern auch zu sterben in Jerusalem für den Namen des Herrn Jesus. Da er sich aber nicht überreden ließ, schwiegen wir und sprachen: Des Herrn Wille geschehe. Apostelgeschichte 21,10–14

Hier ist mehreres interessant. Einmal begegnen wir dem Agabus wieder. Er muss eine angesehene Persönlichkeit gewesen sein. Zum andern sehen wir, dass er eine Zeichenhandlung vollzieht, die durch das deutende Wort zu einer Botschaft wird, wie wir das von den at Propheten her kennen. Besonders auffällig ist aber, dass seine Botschaft vollkommen zutreffend ist, dass aber daraus noch nicht folgt, was nun zu tun ist. Der Prophet weist nur auf die Gefangenschaft hin, die Paulus erwartet. Einige nun wollen ihn davor bewahren und davon abhalten, nach Jerusalem zu gehen, Paulus aber entscheidet sich dafür, dennoch zu gehen. Die Botschaft des Propheten enthielt einen klaren Hinweis, aber keine Handlungsanweisung. Genauso hatte er auch vorher in Antiochien nicht gesagt, die Brüder müssten eine Geldsammlung veranstalten, sondern nur, dass ein Hungersnot kommen werde, was auch eintraf. Wie aber nun zu verfahren sei und was nun zu tun wäre, das hatte die Gemeinde entschieden.

Zusammenfassung: Prophetische Rede kann etwas Zukünftiges ansagen; sie kann aber auch für die Gegenwart einen Durchblick geben, der anderen verschlossen ist. Es ist nicht Wahrsagerei, sondern Gott schenkt durch diese Gabe einigen Gliedern der Gemeinde eine Einsicht, eine Erkenntnis von Kommendem oder von Bedeutendem für die Gegenwart. Er gibt ihnen nicht unbedingt die Einsicht, was aus ihrer Botschaft jetzt konkret zu folgen hat. Sie sagen an, aber sie führen nicht aus. Sie geben Licht, aber sie leiten nicht


4. Die Ergänzung der Gaben und Dienste

In den beiden Stellen 1 Kor 12,28 und Eph 4,11 war eines auffällig: Die personal bezeichneten Gaben treten in einer festen Reihenfolge auf: Apostel und Propheten, die beiden werden jedes Mal zusammen genannt, dann variiert es: es folgen die Lehrer, oder, in Eph 4, die Evangelisten, Hirten und Lehrer. Apostel und Propheten scheint ein festes Begriffspaar zu sein.

Es kommt noch einmal in Eph 2,20 vor: die Gemeinde ist erbaut “auf dem Grund der Apostel und Propheten.” Hier können nicht die alttestamentlichen Propheten gemeint sein, denn at Apostel gibt es nicht. Es geht um die beiden neutestamentlichen Dienste, die offenbar gemeindegründende Funktion haben. Apostel und Propheten waren also in ihrem Zusammenwirken für die Gemeinde besonders wichtig.

An dieser Stelle haben die Gründer der Katholisch-Apostolischen Gemeinden wichtige Erfahrungen gemacht und weiter gegeben. Die Werk der Katholisch-Apostolischen Gemeinden ist aus einem hochcharismatischen Aufbruch in Schottland und England in den 20er und 30er Jahren des 19. Jhdts. entstanden. Aus dieser Bewegung hat sich Gott Apostel berufen und ihnen prophetisch begabte Menschen an die Seite gestellt. Die Aufgabe der Apostel nannten sie das “Amt des Regiments”, also der Gemeinde- und Kirchenleitung. Der Auftrag der Propheten hieß das “Amt des Lichts”. Das Amt des Regiments und das Amt des Lichts sind immer aufeinander angewiesen, eins braucht das andere. Und das hieß auch: Die Propheten können durch ihre übernatürlich Einsicht Licht in eine Situation hinein geben, sie können das Geschaute aber nicht umsetzen. Ich sage nicht: sie dürfen nicht, sondern: sie können nicht. Sie haben von Gott her – meistens – keine Leitungsgabe.

Es geht häufig schief, wenn die Propheten selbst die Realisierung ihrer Eingebung in die Hand nehmen wollen. Warum? Weil Gott ihnen in der Regel nicht auch die Gabe der Unterscheidung in Bezug auf ihre eigenen Worte gegeben hat. Die Frage, wie eine Prophetie in paktische Schritte umzusetzen ist, ob überhaupt, und wann, ist eine Frage der Leitung. Es braucht hier die Ergänzung der Glieder am Leib mit ihren unter­schiedlichen Aufträgen und Gaben. Propheten sollten daher niemals Gemeindeleiter sein, weil ihnen die Objektivität ihrer eigenen Gabe gegenüber fehlt und damit auch die praktische Weisheit, sie umzusetzen.Das hat aber unter anderem auch seinen Grund im Wesen der Prophetie selbst.


5. Einige Charakteristika der prophetischen Gabe

5.1 “Zeitraffer”

Prophetische Durchblicke geschehen manchmal wie im “Zeitraffer”, d.h. es werden Ereignisse nahe andrängend gesehen und erlebt, die in Wirklichkeit weite Zeiträume umfassen. Einige Beispiele.

Jesaja kündigte dem judäischen König Ahas an: “Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel. Butter und Honig wird er essen, bis er weiß, Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen. Denn ehe der Knabe lernt Böses verwerfen und Gutes erwählen, wird das Land verödet sein, vor dessen zwei Königen dir graut.” (Jes 7,14–16) Es ist das Jahr 733 vor Christus. Die geschichtliche Situation ist bedrängend, die Könige von Damaskus und Israel drohen Judäa mit Krieg. König Ahas hat Angst, aber Gott sagt ihm an, dass die beiden Könige in kürzester Zeit verschwunden sein werden. Dabei kündigt Jesaja die Geburt eines Kindes an. Vordergründig scheint es um die Geburt König Hiskias zu gehen, und das hebräische Wort für “Jungfrau”, das hier verwendet wird, kann auch einfach nur “junge Frau” heißen. Aber gut 700 Jahre später deutet Matthäus dasselbe Prophetenwort auf die Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria (Mt 1,23).

Und was Jesaja über das Friedensreich des Messias verkündet, von dem Spross oder dem Reis, das aus dem Wurzelstock Davids aufblühen wird, das deutet Paulus (und wir alle) auf Jesus (vgl. Jes 11,10 mit Röm 16,12), aber die Vision vom Frieden auf der Erde bis hinein in das Tierreich und die ganze Kreatur hat sich bis heute nicht erfüllt, oder nur vorlaufend, aber noch nicht ganz und gar. Dasselbe lässt sich auf die Erwartung der Wiederkunft Jesu anwenden.

Es ist wie bei einer Bergwanderung: Wenn man auf einem Gipfel steht, erscheinen einem die Nachbargipfel zum Greifen nahe. Man sieht aber nicht, welche tiefen Täler dazwischen liegen, und ahnt nicht, wie beschwerlich und lange der Weg von einem Gipfel zum anderen sein wird.


5.2 Gott bleibt kreativ

Das zweite, was wichtig ist zu wissen: Die Erfüllung der Verheißung kommt oft ganz anders, als wir es uns aufgrund des Wortlauts der Verheißung zusammen reimen. Gott bleibt kreativ im Gehen seiner Wege und in der Erfüllung seines Wortes. Oft ist die Wirklichkeit, die Gott schafft, viel großartiger und wunderbarer, als wir es meinen, oft ist sie aber auch unscheinbarer und verborgener. Das beste Beispiel dafür ist Jesus selber. Er sagt es ja selbst, dass die Schrift von ihm redet, aber wer nur die Schrift kennt, und das war ja die Situation der Juden von damals, der wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass Gott selbst Mensch werden würde. Manche der Erwartungen, die sich allzu buchstäblich an konkrete Prophetenworte hängten, muss­te Jesus enttäuschen, dabei war die Erfüllung, die er brachte und die in seiner Person da war, gegeben war, viel phantasievoller, viel größer, viel tiefer und spannender, als der Wortlaut ahnen ließ.


5.3 Erkennen im Nachhinein

Darum erkennt man die Erfüllung der Verheißungen oft nur im Nachhinein, wenn man die Wege Gottes erfahren hat, die er mit uns geht. Im vorhinein lässt es sich oft nicht sagen, wie es kommen wird. Erst rückwärts erkennt man deutlich. Darum ist es auch m.E. Unfug, beim Lesen der Offenbarung des Johannes genau wissen zu wollen, ob wir jetzt im dritten Siegel sind oder bei der zweiten Zornschale stehen oder welches Posaunengericht jetzt genau ergeht. Das müssen wir gar nicht wissen, und es würde uns auch überhaupt nichts helfen, um auf das Kommen Jesu vorbereitet zu sein.

Aus all diesen Gründen hat der neutestamentlich Prophet die Aufgabe, Gottes Wort, das er in das Heute und Hier hineinspricht, auszurichten. Aber es anzuwenden oder zu unterscheiden, was davon jetzt dran ist und wie, diese Weis­heit hat Gott in der Regel anderen gegeben.


6. Echte und falsche Propheten

Wir haben vor vielen Jahren einmal Bruce Yocum gefragt, woran man echte und falsche Propheten erkennen kann. Bruce Yocum ist ein ausgewiesener Prophet, damals in der Kommunität The Word of God in Ann Arbor, der auch ein Buch über “Prophecy” geschrieben hat. Seine Antwort war verblüffend einfach und nüchtern.

Den echten Propheten erkennt man daran, meinte er, dass er sich in ein verbindliches gemeinsames Leben einordnen kann. Denn in, mit und unter dem Prozess der Heiligung, der Korrektur, der Auseinandersetzung mit sich selbst und den Geschwistern und im Lernen des Hörens und des Dienens, der Ein- und der Unterordnung wird auch die Gabe des Propheten gereinigt und geheiligt. Andernfalls steht sie in Gefahr, egozentrisch verbogen zu werden.

Das Geistliche ist im Natürlichen verankert, und das Menschliche wirkt auf das Göttliche im Menschen zurück. Der Geist des Propheten ist dem Propheten untertan, sagt Paulus (1 Kor 14,32). Das gilt im Guten wie im Unguten. Die Gabe wächst mit mir, oder sie verwildert mit mir. Sie ist kein fertiger Klotz, der mir vom Himmel her zugefallen ist und den ich jetzt “habe”, sondern etwas Lebendiges und Formbares.

Wohl auch darum sagt Paulus: “Prophetisches Reden verachtet nicht. Prüft aber alles, und das Gute behaltet” (1 Thess 5,20–21).


Br. Franziskus, 10. Januar 2008


Das vorliegende Referat wurde von Bruder Dr. Franziskus Joest (Jesus-Bruderschaft Gnadenthal) am 18.2.2008 beim diesjährigen „Treffen von Verantwortlichen“ auf dem Schönblick bei Schwäbisch Gmünd gehalten.



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