Charisma 151 > Aus dem Inhalt
Der heilige Ölbaum
Hans Scholz
Die ganze Geschichte des Heils steht im Bild des Ölbaums vor uns. Da ist die Rede von der Wurzel, von den Zweigen, vom Einpfropfen und Ausbrechen, von natürlichen und wilden Trieben. Wir haben sofort den knorrigen Stamm vor Augen. An den Zweigen glitzern die silbrigen Blätter. Unwillkürlich suchen wir nach den Oliven an den Zweigen.
1. Besinnen wir uns zunächst auf die Absichten des Apostels Paulus mit diesem Gleichnis.
2. Entdecken wir weitere Dimensionen des Gleichnisses.
3. Wenden wir das Bild auf unsere heutigen Verhältnisse an.
1. Paulus warnt die nichtjüdischen Gläubigen vor Überheblichkeit gegenüber den Juden.
Diese Überheblichkeit drohte auseinanderzusprengen, was gerade erst durch den gemeinsamen Glauben an Jesus, den Messias und Herrn aller Herren, zustande gekommen war: die vorbehaltlose gegenseitige Annahme von Juden und Nichtjuden.
1.1 Paulus bezeichnet nun die jesusgläubigen Juden als edle, natürliche Ölzweige, die Nichtjuden als wilde Triebe. Diese Unterscheidung ist in der Herkunft begründet: Juden haben aus ihrer natürlichen Abstammung die Erwählung als Kinder Gottes (Sohnschaft), ihnen wurde die Herrlichkeit Gottes offenbart, sie als Volk haben einen Bund mit Gott, die Gesetze des Mose, die Gottesdienstordnung des Tempels (jedenfalls zur Zeit des Apostels noch), messianische Verheißungen für das Reich Gottes und aus ihrer Mitte stammt der Messias (Röm 9,4f.).
Christen aus den Nationen sollen die jüdischen Gläubigen ehren, weil sie von Natur aus, das heißt ihrem jüdischen Glauben entsprechend, von der Glaubenswurzel getragen werden und – verbunden mit dem Messias – auf ihrem angestammten Platz sind. Die wilden Triebe haben eine andere Herkunft: Sie bringen die natürlichen Voraussetzungen nicht mit.
Interessant ist das Bild von den Zweigen auch deshalb, weil normalerweise edle Reiser auf kräftige wilde Unterlagen aufgepfropft werden und nicht umgekehrt. Liegt darin nicht eine besondere Würdigung der „Wilden“?
1.2 Einpfropfen ist ein Bild für Bekehrung und Taufe (vgl. Röm 6,1–6). Wer sich dem Messias mit seinem gesamten Geschick auf Leben und Tod anvertraut, empfängt die Gewissheit der Erlösung, gehört zum Reich Gottes und wird erfüllt mit dem Heiligen Geist (Apg 2,38). Aus dieser Verbindung mit Christus zieht er seine Lebenskraft. Hierin gibt es keinen Unterschied für Juden und Nichtjuden.
1.3 Ausbrechen. Was als Tat Gottes beschrieben wird, erleben wir als Unglauben von Menschen. Es handelt sich jedoch um einen einzigen Vorgang. Wer Gott nicht vertraut, kann deshalb seinen Segen nicht bekommen. Paulus zieht Umkehr durchaus in Betracht. Wenn die Frucht der wilden Triebe sichtbar wird, könnte dies die edlen „zur Umkehr reizen“!
Darüber hinaus verzichtet der Apostel Paulus auf weitere Anwendungen des Gleichnisses. Er schreibt zum Beispiel nichts über den Stamm. Und doch ist klar: Dieser Ölbaum im Ganzen ist ein Bild für die Gemeinschaft des Messias mit seinen Anhängern und allen Gläubigen aller Zeiten.
Wir dürfen also nicht die Verallgemeinerung vornehmen, als ob dieser Ölbaum identisch wäre mit der Gesamtheit des Volkes Israel. Insofern der Messias der Herr seines Volkes sein will, steht er selbstverständlich für ganz Israel; Israeliten, die ihn nicht anerkennen, dürfen jedoch nicht „vereinnahmt“ werden!
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